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5. Ergonomie, symbolische und denktechnische Grundlagen,
Zeichensysteme, Semiotik


@:SYMBOLIK
Dieses Thema wird detaillierter in der Schrift ->: symbol.htm behandelt.
->: symbol07.htm#HYPERMEDIA_INTERACT
->: symbol07.htm#OUTLINE_FOLDING
->: symbol07.htm#ESSENTIAL_OVERVIEW
->: ESSENTIAL_SPEED
->: symbol08.htm#HUM_INTF

5.1. Das eiserne Faktoren-Dreieck der Information: Hierarchie - Vernetzung - Zeit

Wir können hier ein eisernes Faktoren-Dreieck für die Information einführen:

Hierarchie - Vernetzung - Zeit

5.2. Hierarchie und Vernetzung als essentielle Komponenten der Informations-Struktur

"Information" im Sinne von Multi-Megabytes von Daten, die wir so-und-so-schnell in unseren Computer einschleusen können, nützt uns als solche überhaupt nichts, wenn wir sie nicht irgendwie zu Wissen verarbeiten können. Wissen ist essentiell von Ordnung abhängig, und jede Art von Ordnung ist ein Hierarchie-Schema. Ein "wissenschaftlicherer" Begriff für "Ordnung" ist "Klassifikation".
Das kennt man spätestens seit Aristoteles und das wird auch selbstverständlich in der Wissenschaft so eingesetzt. Allerdings ist zu bemängeln, daß kaum einer der heutigen Wissenschaftsschreiber an den Stil und das Vorbild an die Gliederung von John Locke's "Essay on human understanding" heranreicht. Im Datenbank- Design ist der Faktor der Hierarchisierung ebenfalls als Balanced B-Trees und ähnliche Techniken bekannt. Dafür hat man es umso gründlicher im WWW vergessen. Das WWW kennt nur Vernetzung, und das ist der Grund, warum der "Satz vom Hammer" eingeführt wurde ->: diskur04.htm#LAW_HAMMER ->: diskur04.htm#HYPER_PROBLEM. Das WWW sollte besser MUDDL genannt werden: "Mazes of hyper-linked Unstructured Dynamic Data that are Large" ->:SYMBOL.DOC:MUDDL_PROBLEM. Die Hyper-Links fungieren nur als Vernetzungsinstrument, aber über ihre Anordnung waltet der Zufall oder der (schlechte) Geschmack. Mit dem WWW ist man kaum in der Lage, über (das Design von) Hierarchien nachzudenken. Glücklicherweise gibt es sehr gute Hierarchie-Tools, und eins der besten ist in einem Produkt von Microsoft enthalten. (So daß ich die Firma nicht nur als schlechtes Beispiel heranzuziehen brauche). Microsoft Word hat in dem Gliederungsmodus eins der besten Hierarchie-Editier-Systeme der Industrie, fast so gut wie der schon wieder völlig vergessene Thinktank ->: diskur04.htm#THINKTANK.

5.2.1. Multiple Hierarchien und Headline cloning

Eine Möglichkeit, die Thinktank aber bot, welche in heutigen Standardprogrammen nicht mehr zu finden ist, ist das Führen multipler Hierarchien durch Headline cloning[31]. Diese elegante Funktion realisiert ein implizites Hypertext-Prinzip, in dem der unter den Headlines liegende Text von völlig verschiedenen Ansichten und Strukturierungen verfügbar war, wenn man verschiedene Headline Hierarchien aufbaute. Der gewaltige Vorteil dieses Schemas ist, daß es einen großen Hyper-Link Aufwand, und damit undurchdringliche Hyper-Netze vollkommen erübrigt, und immer hierarchische Zugangspfade bietet.

5.2.2. Aspekte der Vernetzung

Über Vernetzung brauchen wir nicht viel zu sagen, da wir das ja zur Genüge aus dem WWW kennen. Wissenschaftlich nennt man das auch "Assoziation". Das menschliche Denkvermögen besteht im wesentlichen aus diesen Faktoren: Assoziation (im menschlichen Kontext auch "Erinnerung" genannt, da man nur mit etwas schon Erlebten, also Vergangenem, assoziieren kann), und Hierarchisierung, auch als Teilbereich des logischen Denkvermögens bekannt. Das WWW als Infrastruktur-Technologie unterstützt die Assoziation, und vernachlässigt die Hierarchisierung. Auf einem Bein kann man schlecht laufen.

5.3. Kategoriensysteme als Basisfaktor der Hierarchisierung

Ebenfalls seit Aristoteles wissen wir, daß Kategoriensysteme der essentielle Basisfaktor jeder Hierarchienbildung sind. Dies wird vor allem im Gebiet der Wissensorganisation behandelt, und ich verweise daher auf dieses Fachgebiet ->: diskur04.htm#WISS_ORG. Als Einführungsliteratur ist empfohlen: Knowledge Organzation, Ergon Verlag ISSN 0943-7444. Als repräsentativer Artikel: Satija (1998).
Als ein Paradebeispiel eines schlechten Kategoriensystems könnte man Borges' berühmte "Klassifikation von Tieren aus einer chinesischen Enzyklopädie" nennen, ob das nun je in einer solchen gestanden hat oder nicht.

5.4. Zeit als Zentralfaktor der Informations-Wissens-Transformation

Nun kommen wir zu dem Geheim-Element erfolgreicher Informations-Wissens-Transformation, der Zeit. Wie schon gesagt, ist die Zeit so etwas wie ein Tabu-Thema unserer heutigen IuK Revolution. Keiner hat sie, jeder glaubt, sie mit noch mehr Computer Power sparen zu können, und verschwendet sie doch endlos mehr mit jedem weiteren Upgrade-Zyklus, den man sich von der Industrie aufschwatzen läßt. "We are all suckers for the yearly upgrade cycles of the computer industry" (Douglas Rushkoff, AEC 1998 Symposion). Es ist ein offenes Geheimnis, daß jeder, der wirklich schnell arbeiten will, entweder DOS-Win 3 oder Linux benutzt, und das möglichst mit dem Command-Line Interface.
Während die oben genannten Faktoren zu der Struktur gezählt werden, ist Zeit ein Faktor der Dynamik (oder umgekehrt) ->: diskur05.htm#DYNAMIK. Dies ist wirklich so etwas wie ein Geheimrezept, denn jeder, der es erfolgreich einsetzt, behält das besser für sich, um gegenüber der Konkurrenz auch weiterhin mit der Nase ein wenig vorn bleiben zu können. Das ist aber der Überlebensfakter par excellence in unserer heutigen Zeit geworden. Und deshalb lernt man in der Schule und auf der Universität auch so wenig darüber, aber ein wenig mehr auf den Militärakademien. Michael Ende läßt grüßen.

5.4.1. Kurzzeitgedächtnis und der vernachlässigte Ergonomie-Faktor der Zeit

Wie in der Diskussion um das WIMP-Interface erwähnt ->: diskur04.htm#WIMP_SYNDROM, ist Zeit, und damit verbunden, das menschliche Kurzzeitgedächtnis, einer der am stärksten vernachlässigten Ergonomie-Faktoren der heutigen MM-Technologie. Der hierbei vernachlässigte Faktor ist die unkritische Übernahme der Desktop-Idee, nämlich, daß ca. 2-4 Quadratmeter physikalischer "Desktop" (plus noch etwa 10-100 qm Ablagefäche auf Regalen, Stuhlsitzen, Fußboden, in Aktenordnern, etc. etc.) eines typischen Informationsarbeiters durch so etwas Lächerliches wie einen 30*30 cm Bildschirm mit Klicksymbolen zu ersetzen seien. Das geht nur in einer Sachbearbeiter-Situation bei einer großen Bank oder Versicherung, die aber schon durch das alter 3270-Terminal recht gut bedient war[32].

5.4.2. Desktops und der Raum-Zeit Tradeoff

Eine reale Ablagefläche stellt insgesamt einen mehrere hundert qm großen Informationsraum dar, der mit händischen Verfahren durchsucht werden kann, aber in seiner Räumlichkeit noch eine extrem wertvolle Positions-Information lieferte, die leider bei den frei verschiebbaren und überdeckbaren Ikonen auf dem Bildschirm völlig verloren gegangen ist. Dies ist erstmal ein Raum- und kein Zeitproblem. Es läßt sich in gewissen Grenzen aber Raum mit Zeit eintauschen, so daß ein Bildschirm Desktop wieder Sinn macht, wenn man genügend schnell und genügend gut sortiert darauf zugreifen kann. Aber dieser Zeitfaktor läßt sich nur innerhalb der Spanne des menschlichen Kurzzeit-Gedächtnisses ausnutzen, denn wenn man länger suchen muß, hat man buchstäblich vergessen, wonach man sucht, bevor man sein Ziel gefunden hat. Damit ist einer der Problemfaktoren angesprochen, den die Virtualisierung auf dem Bildschirm nicht ersetzen kann, nämlich dem Gedächtnisfaktor der räumlichen Ablage, der wichtiger ist, als man meist vermutet. Weitere Diskussion unter ->: hum_intf.

5.4.3. Noch ein eisernes Faktoren-Dreieck: Einblick * Überblick = Durchblick

Einblick * Überblick = Durchblick


Zusammenfassend lassen sich mit dieser kurzen und einprägsamen Faustformel alle wesentlichen ergonomischen Erfordernisse an ein MM-IuK-System schlüssig formulieren. Und dies ist eine der am schwierigsten zu bewältigenden Aufgaben des System-Design. Die Produkte der Computerindustrie taugen hauptsächlich als abschreckende Beispiele, und ich will jetzt Microsoft nicht extra dafür hernehmen, denn die würden ihre Systeme auch nicht verkaufen können, wenn nicht hunderte von Millionen Menschen danach japsen würden. Mehr dazu in: ->: hypermedia_interact.

5.5. Der Zusammenbruch der Schriftkommunikation

@:ZUSAMMENBRUCH
Ein wesentlicher, heute noch kaum verstandener Faktor, der hauptsächlich zur Destabilisierung der heutigen Menschheitssituation beiträgt, ist der Zusammenbruch unseres dominanten symboltechnischen Mediums, der Schrift, die die Kommunikations- und Herrschaftsformen der Zivilisationen der letzten 5000 Jahre getragen hat. Wir merken diesen Zusammenbruch meist nicht direkt, weil wir alle noch unsere Bücher und Zeitungen lesen können, aber denen, die versuchen, sich über ein breiteres Spektrum des Menschheitswissens zu informieren[33], ist klar, daß dies menschenunmöglich geworden ist. Allein die täglich hinzukommende Datenmenge übersteigt das Verarbeitungs- und Fassungsvermögen eines Menschen[34]. Besonders hart trifft es aber diejenigen, die der vollen Wucht der Massenkommunikation ausgesetzt sind.

5.6. Ausstattung mit moderner Telekommunikation invers proportional zur Kommunikationsfähigkeit

Der Anthropologe H.P. Dürr[35] (Uni Bremen) hat einmal anekdotisch vermerkt, daß man daran merkt, daß ein deutscher Akademiker auf C3-Professorenstatus aufgestiegen ist, wenn er es nicht mehr nötig findet, briefliche Anfragen zu beantworten

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Dies ist sicher eine etwas überspitzt und verkürzt formulierte Feststellung, die bei genügend sachlicher Abwägung und ausgewogenerer Meinungsfindung wohl etwas anders formuliert werden müßte, und dem hart arbeitenden und durch Studentenschwemme sowieso überlasteten deutschen Professorenstand sicher nicht ganz gerecht wird. Die Haupt-Arbeit der Korrespondenz besteht im Briefe-Lesen und Briefe-Schreiben, und ein deutscher C4-Professor muß sich meist eine einzige Sekretärin mit 5 oder 6 anderen deutschen C4-Professoren teilen, und das ist (nach meinen eigenen empirischen Feldforschungen, ich kann die Feld-Daten für weitere wissenschaftliche Forschungen auf Anfrage zur Verfügung stellen) oft mit erheblichen Reibungsverlusten verbunden. Und ein C3-Professor hat überhaupt erst gar kein Anrecht auf eine Sekretärin. Sein Korrespondenz-Pensum nimmt aber mit dem Aufstieg exponentiell zu. Und so weit sind wir auch noch nicht, daß alle deutschen Professoren schon wüßten, wie man mit einem PC umgeht, und Papier in den Laserdrucker einlegt, was die unabdingbare Voraussetzung zum eigenständigen Schreiben von Briefen wäre. Dazu müssen wir abwarten, bis die heutige Generation von Computer Kids in den C4-Stand nachgerückt ist.
->: diskur05.htm#COMPUPHOBIE p. 37.

. Dies ist sicher etwas zu polemisch und überspitzt formuliert, und wesentlich auch auf die dürftige Infrastruktur-Ausstattung der Universitäten zurückzuführen sein, aber ich kann aus meinen eigenen anthropologischen Feldforschungen bei "den Eingeborenen der nord-westlichen weißen Rassen" (nach Popper 1962, ->: diskur15.htm#POPPER_LOGIK) feststellen, daß solches durchaus nicht nur von deutschen Professoren gesagt werden kann, sondern daß dies mittlerweile zu einer Art "Volkssport" in unserer ach so effizienten Kommunikationsgesellschaft, vor allem aber im Internet geworden ist. Wir erleben es gehäuft, daß besonders diejenigen, die gerade die Wortführer moderner Telekommunikationsmethoden sind, die Planer und Strategen, deren email Adresse immer an vorderster Stelle jede Visitenkarte und Webseite ziert, am allerwenigsten dazu kommen, ihre emails auch zu beantworten.
Wir könnten sogar eine neue Klausel[36] zu dem Fundus der Murphy-schen Gesetze hinzufügen, und speziell für die moderne Telekommunikation formulieren:

Die Ausstattung mit moderner Telekommunikationstechnologie verhält sich invers proportional zur tatsächlichen Kommunikationsfähigkeit der betreffenden Person.


Was sagt uns all dies? Es ist anzunehmen, daß die heutige "Informations-" Technologierevolution vollkommen an einigen fundamentalen anthropologischen, kommunikations- und denktechnischen Grundfaktoren und Infrastrukturfundamenten vorbeiläuft. Nicht eben zum Vorteil und Verbesserung der Zukunftsaussichten unserer von vielfältigen Herausforderungen, Umbrüchen und Bedrohungen, hin- und hergerissenen Gesellschaften. Dies soll im folgenden weiter behandelt werden.

5.7. Internet: Eine Datenautobahn mit eingebauten Treppenstufen

Das Internet ist so etwas wie eine Datenautobahn mit eingebauten Treppenstufen. Leider liegen diese Stolperschwellen weniger in den Multi-Mega-Baud und -Mips Leitungs- und Prozessorkapazitäten, die man immer wieder ausbauen muß, um den ständig wachsenden Leitungsverkehr vom Dauerstau wenigstens auf ein Stop- and Go zu bringen. Nein, die große Stolperschwelle des Internet, das ist der Mensch. Was nützen uns Multi-Mega-XYZ technische Kapazitäten, wenn wir dann doch durch unsere rudimentäre 50-Zeichen pro Sekunde Lesekapazität immer wieder auf das erbarmungsloseste ausgebremst werden?

5.8. Der Engpaß der menschlichen Lesekapazität, und mögliche Auswege

Hauptfaktor dabei ist die, verglichen mit den heute technisch verfügbaren und darstellbaren Datenmengen, extrem geringe Kanalkapazität der menschlichen alphanumerischen Symbolverarbeitungs-Systems: Gerade etwa 50 Zeichen pro Sekunde können wir lesend aufnehmen. Dabei sind unsere biologischen Sinnes-Systeme in der Lage, Datenmengen von ungeheurer Größe zu verarbeiten: Das visuelle System allein verarbeitet mehrere GByte[37] pro Sekunde. Und über alle Sinneskanäle des menschlichen Körpers zusammen verarbeiten wir noch etwa das Tausendfache, also im Terabyte-Bereich. Hier sind wir wieder etwa in der Größenordnung der Datenmengen, die die ganze Menschheit auf dem Internet und in den Datenbanken gelagert hat. Man sieht also: die Informationsverarbeitung des Körpers ist von ihrer Größenordnung durchaus in der Lage, die Datenmengen zu verarbeiten, die die Menschheit in all ihrer Geschichte erzeugt hat, nur sind sie in der falschen Form für uns dargestellt. Der alphanumerische Kanal ist das langsamste Medium der menschlichen "Informations"-Verarbeitung.
->: symbol02.htm#VISUALIZATION

5.9. Die mögliche Rolle von Multimedia zur Darstellung nicht-alphabetischer Inhalte

Unter diesem Aspekt kann MM-Technologie einen Ausweg bieten. MM-Technologie ist ein diskontinuierlicher Schritt in der Entwicklung der menschlichen Symbolsysteme, und die vermutlich größte symboltechnische Neuerung seit der Erfindung der Schrift vor 5000 Jahren und der Drucktechnologie vor 500 Jahren. Wenn wir den zivilisatorischen Impakt dieser neuen Technologie erfassen wollen, müssen wir verstehen lernen, welche Medienkulturen die Menschheit in ihrer Vergangenheit aufgebaut hat, und wie sich diese Medien auf den Fortgang der Zivilisationsgeschichte auswirkten. Besonders wichtig ist der Zentralfaktor der Schrift, der die Basis der sozialen Organisationsform des Staates, und damit der großen Zivilisationen in den letzten 5000 Jahren gesetzt hat. Um aber ein vollständiges Bild der Entwicklung zu erhalten, müssen wir unseren Blick noch viel tiefer in die Menschheitsgeschichte richten, denn die Multimedia-Geschichte der Menschheit ist uns am deutlichsten in den Zeugnissen von Altamira, Lascaux, und Chauvet erhalten. Wir sollten nicht dem Trugschluß verfallen, daß, bloß weil nur diese stummen Zeugen in Form von Wandbildern erhalten sind, daß alle anderen Sinne und Ausdrucksformen, also Klang, Geruch, Geschmack, Bewegung, etc., keine Rolle gespielt hätten. Das zeigt uns schon ein kurzer Seitenblick in die Kulturanthropologie der sog. primitiven Völker, die bis in unsere heutige Zeit ein reichhaltiges Repertoire multimedialer Tradition erhalten haben. Daher müssen wir mindestens die letzten 50,000 Jahre Menschheitsgeschichte in unser Blickfeld mit aufnehmen. Einige wesentliche Aspekte dieser Entwicklung sollen im folgenden Abschnitt referiert werden, wobei aus Platzgründen hier im wesentlichen auf weitere Literatur verwiesen werden muß.
Um eine Gesamtsicht der früheren Medienkulturen im Vergleich zum Potential der MM zu erhalten, ist es wichtig, auch die Vorgänger der MM in früheren Ansätzen nichtverbaler, nicht-begrifflicher Wissensdarstellung finden. Besonders für die geschichtliche Orientierung Ulms als ehemals freie Reichsstadt (-> Ulmer Schwörbrief) ist das Thema der Architektur als MM-Technologie, da besonders der Kathedralenbau, von dem Ulm eines der bedeutendsten Zeugnisse besitzt. (->:MEDIUM_MESSAGE). Im Zusammenhang mit den Ansätzen zu "Wissenschaftsstadt Ulm" ist der Kathedralenbau ebenfalls wesentlich, da die Baukunst ein wesentlich nicht-schriftlich tradierter Wissensbereich war, der sich außerhalb der sichtbaren schriftbasierten "Wissenschaften" bewegte und erhielt. Der für uns heute wesentlichste Faktor ist die Frage, ob es eine Form von Wissen gibt, das sowohl für den Fortbestand der menschlichen Gesellschaften essentiell ist, und sich nur schwer oder garnicht in das konventionelle Format der Schrift einfügen läßt. Diese Thematik wird ja bekanntermaßen in dem blühenden Wirtschaftssektor der Konsum-Esoterik[38] sehr breit und blumig, wenn auch dem "Ding" völlig unangemessen, behandelt. Es handelt sich hier um den berühmten "Versuch des Schwanzes, mit dem Hund zu wackeln", also eine Prinzipfrage, oder ein a priori, wie es in der Philosophie heißt. Das wird in dem Artikel "Die Kultivation des Unsichtbaren und der Multimedia-Diskurs" weiter erläutert ->:UNSICHTBAR. Das "Unsichtbare" wird eben nicht dadurch sichtbarer, indem man es mit Millionen von Worten beschreibt. Es ist ein Prinzip des "Unsichtbaren", daß es in anderen Dimensionen existiert, als solchen, die verbal, konzeptuell, (und damit alphabetisch, in Büchern) beschreibbar sind. Hier soll kurz eine Skizze angeboten werden, wie man sich ein "esoterisches" Wissen vorstellen könnte, das durchaus mit Wissenschaftlichkeit compatibel ist, aber nicht Schwarz auf Weiß alphabetisch zwischen Buchseiten zu pressen ist.
Wir müssen feststellen, daß fast alles, was uns an kulturellem Erbe der Menschheit in Bibliotheken und Museen zur Verfügung steht, statisch, gefroren, und als Totes, übermittelt wird. Es hat nach den Anfängen der Wissenschaft im alten Griechenland noch fast 2000 Jahre gedauert, bis es eine brauchbare Darstellung dynamischer Themen in Form der Newtonschen/Leibnizschen Differential- und Integralrechnung gab. Diese lange Verzögerung lag u.a. auch an dem langen Beharren autoritätsgläubiger Traditionen auf der falschen Aristotelischen Idee der Bewegung. Die einzige Kulturtradition der westlichen Zivilisationen, die eine direkte dynamischen, bewegte Tradition pflegt, ist der Tanz (und das Theater). Deren Inhalte werden aber, gesamtgesellschaftlich gesehen, völlig ignoriert. Die Musik hat eine Zwitterstellung, da sie natürlich ein dynamisches Phänomen ist, aber durch die Notenschrift ist sie in statische Muster geprägt worden. Natürlich gibt es eine reichhaltige Tradition der Improvisation und der freien Musik, die als Free-Jazz und Weltmusik heute wieder Bedeutung erhält. Bezeichnend ist aber, daß die großen Konzertsäle, und die großen Subventionen, immer noch der konventionellen westlichen verschrifteten Musik vorbehalten bleiben. Die Sinne des Geschmacks und des Geruchs hatten zu früheren Zeiten eine sehr hohe Bedeutung in vielen Sektoren der Gesellschaft, und sind heute fast völlig an den Rand gedrängt worden. Auch unser heutiges Multimediazeitalter spricht wesentlich nur den optischen Sinn an, und ein wenig den akustischen, und den taktilen
In folgenden Schriften des Autors sind einige der Grundlagen zu dem Themenkreis weiter aufgearbeitet und dargestellt worden:
Characteristica Universalis and the Origins of the Symbolator
->: leib-chr.htm , 1994
The Symbolator Project: Multimedia Systems for Envisioning Dynamic Mental Images
->: symbol.htm
Morphologies of Cultural Memory: A structural framework for the evaluation of non-alphabetic traditions
->: morph-cm.htm , 1997
(Vom Autor auf Anfrage erhältlich).
Als theoretische Grundlage empfohlen:
Mihai Nadin: "The civilization of illitercy", Dresden Univ. Press, 1997


[31] Im Unterschied zum Kopieren von Headlines verändert das Cloning auch jede geklonte Kopie automatisch mit, wenn das Original modifiziert wird.
[32] IBM brüstete sich damit, mit dem 3270-Terminal eine brauchbare On-Line Emulation der Lochkarte gefunden zu haben, weshalb auch heute noch das Standard-Breitenmaß der ASCII Bildschirme bei 80 Zeichen liegt.
[33] Oder auch nur, über bestimmte Themen auf dem Laufenden zu bleiben.
[34] Und, heute bei schrumpfenden Finanzmitteln sehr fühlbar: die Kosten für die nötigen Anschaffungen das Budget der wissenschaftlichen Institute und Bibliotheken.
[35] Wer sich etwas genauer über die Machenschaften an deutschen Universitäten zur Kaltstellung mißliebiger Akademiker informieren will, kann im Spiegel, 8/1998, p. 192 etwas zu den neuesten Abenteuern des Herrn Prof. Dr. H.P. Duerr im "Campus an der Weser" nachlesen.
[36] Falls die Ehre nicht schon an jemand anders vergeben ist, schlage ich vor, dies die Goppold'sche Klausel der Telekommunikations-Amendments der Murphy's Laws zu nennen.
[37] 1 GigaByte = 1024 Megabyte, 1 Megabyte Text entspricht ca. ein Buch von 300 Seiten.
[38] Also alles, was man in esoterischen Buchläden oder auf esoterischen Seminaren mit Geld kaufen kann.


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