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8. Hans-Ulrich Oberländer:
Existenz und Arbeit sicherndes Sozialmodell zur zukunftsfähigen Gestaltung der Energiedienste in der Europäischen Union



Hans-Ulrich Oberländer, S.-Allende-Pl. 5, 07747 Jena, 03641-390238
Artikel erschien in "Blickpunkt Zukunft", Ges. f. Zukunftsmodelle und Systemkritik e.V., Ausg. 33, Aug. 1998, S. 9-11.
@:OBERLAENDER

8.1. Zusammenfassung

Zur Abwendung eines Zeitpunktes, ab dem eskalierende Klimakatastrophen das Leben auf unserem Planeten vernichten, wird die zukunftsfähige Gestaltung der Energiedienste als vordringlichste Aufgabe angesehen, der sich die Zivilisationsgesellschaft stellen muß. Die technischen Voraussetzungen dafür sind bereits jetzt bzw. in naher Zukunft vorhanden. Mit der Beweisführung des Gelingens in der Großregion Europäische Union wird die Hoffnung auf baldige Nachahmung in den anderen Gebieten unseres Planeten verbunden. Für demokratisch legitimierungsfähige politische Programme mit bisher im zivilen Bereich nicht gekannten Finanzierungsvolumina werden neue Systeme sozialer Absicherung benötigt, die auch Arbeitslosigkeit eindämmen. Hierzu wird das Modell Soziokultureller Existenzsockel mit libertären Arbeitsmarkt vorgestellt, welches dem Einzelnen unantastbare existenzsichernde Grundbedürfnisse garantiert und gleichzeitig zur Vermeidung unfreiwilliger Erwerbslosigkeit beiträgt. Es garantiert dem Einzelnen Freiheiten, durch deren verantworteten Umgang auch den Nachgeborenen Chancen auf ein menschenwürdiges Dasein in zumutbarer Lebensqualität gewahrt bleiben[40].

8.2. Anlaß

Augenscheinlich befinden wir uns in der schicksalhaftesten Phase der Menschheitsentwicklung. Die Zukunft des Lebens auf unserem Planeten ist bedroht. Die seit Beginn der industriellen Revolution zunehmenden anthropogenen Belastungen für die Biosphäre haben inzwischen ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Wissenschaftler warnen inzwischen immer eindringlicher vor den Folgen unseres frevelhaften Tuns. So wird erkennbar, daß sich Ozonschwund und Treibhauseffekt gegenseitig verstärken [1]. Raubbau und Schädigung natürlicher Ressourcen sind an der Tagesordnung. Die nachholende industrielle Entwicklung in den Schwellenländern ist mit einer wachsenden Nachfrage nach Energiewandlungstechniken verbunden. So werden zum Beispiel in China Elektrizitätswerke auf Basis schwefelreicher Kohle und meist ohne Filter errichtet [2]. Wissenschaftler warnen, daß deren Aerosole zur Beeinträchtigung des Feuchtigkeit spendenden Monsuns im benachbarten Indien führen können. Ein Meereskundler forscht daran, wie infolge globaler Erwärmung und dem damit verbundenem Abschmelzen ewigen Eises ein Abreißen des Golfstromes begünstigt wird [3]. Die dadurch eintretende Absenkung der Jahresmitteltemperatur um 5...7 K würde in Europa eine neue Eiszeit auslösen. In einem Vortrag auf einer Tagung über Chaosforschung im Mai 1996 stellte er dar, daß die das Kippen auslösende Menge an Treibhausgasen sich auch durch sorgfältige Computersimulationen nicht berechnen läßt - eine Bestätigung der Erkenntnisse, daß auch Meeresströmungen als Teil des globalen Klimasystems chaotisches Verhalten zeigen.
Es läßt sich ein als "NFT" (No-Future-Time) benannter Zeitpunkt definieren, ab dem jegliches (über)menschliches Gegensteuern vergeblich ist, eskalierende selbstverstärkende lebensvernichtende Prozesse zu verhindern. Heimtückisch ist, daß wir nicht wissen werden, wie "wenige Tropfen das Faß zum Überlaufen" bringen; mit anderen Worten, nach welchen Mengen Schadstoffeintrag in die Biosphäre dieser Zeitpunkt eintritt. Möglicherweise ist NFT bereits schon überschritten, also zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Welt noch scheinbar im Lot befindet. Doch es dürfte einleuchten, daß jeder Tag mit einem "weiter so wie bisher" die Chancen mindert, NFT noch abzuwenden.

8.3. Dringlichkeit

Die Situation läßt sich vergleichen mit einem drohenden kriegerischen Konflikt: Zur wirksamen Abwehr versucht sich die bedrohte Menschengemeinschaft mit Hilfe einer "Mobilmachung" so gut und so schnell es geht zu rüsten, um sich möglichst erfolgreich verteidigen zu können. Dabei weiß sie nicht, in welchem Maße dies trotz aller Anstrengungen gelingt. Zweifellos trägt der Umgang vor allem der Industrieländer mit Nutzenergie maßgeblich zur dargestellten Gegenwartssituation bei. Es bahnen sich Klimakatastrophen an, die in ihren Auswirkungen alles in den Schatten zu stellen drohen, was Kriege bisher angerichtet haben. Ist noch ein Ausweg in Sicht, nachdem sich nach den beiden Weltklimagipfeln in Rio 1992 und Berlin 1995 kaum Ansätze eines globalen Konsenses hinsichtlich zukunftsfähiger Neugestaltung der Energiedienste abzeichnen? Gefragt sind neuartige Lösungsansätze durchaus noch visionären Charakters:
Eine Großregion mit günstigen Voraussetzungen hinsichtlich Bewußtseinsgrad seiner Bürger, Wissen, Kapitalverfügbarkeit kann mit der Beweisführung des gelungenen Umbaus seiner Energiedienste eine zur Nachahmung anregende Vorbildwirkung auf die anderen Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer ausüben. Die Vorreiterrolle sollte von der Zivilgesellschaft im Wirtschaftraum der Europäischen Union übernommen werden. Wir haben im Rahmen einer mehrjährigen Studie untersucht, ob und wie unter dem Anspruch Zukunftsfähigkeit die Stromversorgung unter Beibehalt des Stetigkeitsanspruches vollständig auf erneuerbare Quellen umstellbar ist. In einer weiterführenden Arbeit wird der Energiedienst als Gesamtheit und deshalb auch hinsichtlich notwendiger Substitution von fossilen Brenn- und Treibstoffen durch "REG-Strom" (Elektrizität aus regenerativen Energiequellen) betrachtet. Wir sind zu Erkenntnissen gelangt, die auf strenge ökologischen Kriterien genügende Systemkonzepte verweisen und die auch zur unbegrenzten weltweiten Nachahmung geeignet sein könnten.

8.4. Auf die Europäische Union zugeschnittene Lösungen für zukunftsfähige Energiedienste

Als wichtigste Fragen kristallisierten sich heraus: Ist mit den gegenwärtigen oder in naher Zukunft verfügbaren technischen Lösungen eine stetige Versorgung möglich? Reichen die heimischen Potentiale aus? Läßt sich die Nachfrage ohne einschneidende Einbußen an Lebensqualität verringern? Ist der fluktuierende Betrieb regenerativer Wandlungstechniken durch Speicherung bzw. Pufferung kompensierbar? Wie läßt sich das "technisch Machbare" finanzieren und politisch durchsetzen? Wie könnten zukunftsfähige Versorgungsstrukturen gestaltet sein? Inzwischen sind wir zu Lösungen gelangt, die sich knapp wie folgt umreißen lassen:
* Stetig und sicher versorgende Energiedienstsysteme ausschließlicher auf Basis regenerativer Energieträger sind bereits jetzt oder in naher Zukunft realisierbar.
* Wegen der Substitution lebensschädigender Brenn- und Treibstoffe in den Versorgungsbereichen Wärme und Bewegungskraft (Verkehr, Land- und Forstwirtschaft, Bauen) wird sich der Anteil von Elektrizität als Endenergieträger um etwa Faktor vier erhöhen. Denn bis auf solar oder geothermisch gewonnene Direktwärme und einem begrenzten Anteil von aus Biomasse gewonnenen Treib- und Brennstoffen wird Strom für zukunftsfähige Energiedienste die Hauptrolle innerhalb der Endenergieträger übernehmen. Somit dürfte der Stromanteil von gegenwärtig 17,1 % in der BRD [4] auf grob 70 % ansteigen. Dafür reichen die heimischen Standorte in der Europäischen Union trotz ausgedehnter "Off-shore"-Potentiale (küstennahe Meeresgebiete von Atlantik, Nord- und Ostsee) für Windstrom nicht aus. Als Handelskooperation zu beiderseitigem Nutzen sollte deshalb auf Stromimporte aus den Trockenregionen Nordafrikas und Nahost orientiert werden, da dort nahezu unerschöpfliche Potentiale mit vorzüglichen Solarstrahlungswerten existieren.
* Für ein auf 40 Jahre angelegtes Umstellungsprogramm werden nach ersten groben Abschätzungen jährliche Aufwendungen in Höhe von 5...10 Prozent des Bruttoinlandproduktes des BRD (10 % entsprechen zur Zeit etwa 300 Mrd. DM) benötigt, die auf die Europäische Union hochzurechnen wären. Sie werden je zur Hälfte im Verbraucherbereich zum Ausbau effizienter Nutzung, kombiniert mit der Vermeidung energieverschwendenden Verhaltens benötigt, was zu einem auf Endenergieträger bezogenen Nachfragerückgang von mindestens Faktor drei führt. Die andere Hälfte der zu aktivierenden Summe wird für den Bau regenerativer Energietechniken einschließlich Speichern benötigt.
* Momentan-dynamische Stromtarife dienen sowohl als Instrument zur kurzzeitigen Beeinflussung der Nachfrage als auch zur Lenkung von stromintensiven Industriebranchen wie Stahl, Glas, Zement, Papier zur Kampagneproduktion in Monaten mit hohem Elektrizitätsangebot und niedriger Nachfrage.
* Da kostenakzeptable saisonale Speichertechniken kurz- bis mittelfristig nicht verfügbar sind - die Speicherung über Wasserstoff oder dessen Verbindungen ist zu kostspielig - wird die "Saisonproduktion" energetischer Großverbraucher als aussichtsreicher Lösungsweg zur Gewährleistung saisonaler Stetigkeit angesehen. Biomasse allein dürfte zur Pufferung nicht ausreichen.

8.5. Schlußfolgerungen für die Umsetzung

Es sollte so früh wie möglich mit der Umstellung begonnen, das Umstellungsziel in kürzestmöglicher Frist erreicht und parallel die weltweite Nachahmung proklamiert werden. Deshalb empfiehlt es sich, über eine Verkürzung der Umstellungsspanne von 40 auf 25 Jahre nachzudenken, die durchaus im Bereich des technisch Möglichen läge, jedoch grob einer Verdopplung der jährlichen Aufwendungen in Relation zum 40-jährigen Umstellungsziel verbunden wäre. Wie in [5] ausführlich beschrieben, würde dies vor allem durch den früher einsetzenden Multiplikatoreffekt beim "Rest der Welt" die Chancen zur Verhinderung von No-Future-Time maßgeblich steigern.
Wie ließe sich dieses Ziel ansteuern? Es braucht eine als "Mobilmachung zur Rettung des Lebens durch Umstellung der Energiedienste" zu popularisierende und durch Bürgermehrheiten demokratisch zu legitimierende Bewegung. Die europäische Dimension ergibt sich auch aus der Notwendigkeit, die von der Umstellung betroffenen Unternehmen in einem bereits existierenden einheitlichen Wirtschaftsraum vor Wettbewerbsbenachteiligungen gegenüber davon nicht betroffenen Unternehmen zu schützen, was mit nationalen "Alleingängen" kaum gelänge. Der Schutz bestünde hauptsächlich in Energiezöllen und eventuell sogar in Einfuhrverboten auf Produkte von außerhalb. Forschungseinrichtungen der BRD könnten mit einem klugen energetischen Systemkonzept mit dem Anspruch Zukunftsfähigkeit die Initiativrolle innerhalb der Europäischen Union übernehmen. "GEORG", das Prinzip gewinnorientierter Förderung regenerativer Energien und regenerativer Energienutzung, soll durch Setzen politisch-fiskalischer Rahmenbedingungen zur Mobilisierung von privatem Kapital in bisher nicht gekanntem Umfang führen, welches in diese beiden Bereiche gelenkt wird. GEORG's besonderer Vorteil wird darin gesehen, daß das Konzept auch für die Großindustrie - Energieversorger, konventionelle Kraftwerkausstatter, Automobil- und Mineralölkonzerne - attraktiv gestaltbar ist, ohne Kompromisse an dessen Zukunftsfähigkeit eingehen zu müssen [6].

8.6. Ein Grundbedürfnisse garantierendes Sozial- und Arbeitsmarktsystem als Voraussetzung für das Umstellungsprogramm

Mit der Aktivierung der benötigten hohen Wertschöpfungspotentiale durch politische "Gestaltungskunst", wie sie ja auch im Verteidigungsfall üblich ist - erinnert sei an die in die Geschichte als "Blut- und Eisenrede" eingegangene Ansprache Churchills angesichts der Bedrohung Englands durch Hitlerdeutschland - wird es zu starken Turbulenzen im Wirtschaftsbereich kommen: Während von der Umstellung profitierende Branchen explosionsartig wachsen, werden andere schrumpfen oder verschwinden (müssen), was auch mit drastischen Nachfrageänderungen nach Arbeitskräften und deren Qualifikation verbunden ist. Eine spürbare Rücksichtnahme auf die Gewähr von bestehenden Arbeitsplätzen, auf sozialverträgliche Ausgliederung und andere im gegenwärtigen System sozialer Absicherung erforderliche Maßnahmen würde zusätzlich Unsummen verschlingen, die lebensqualitätsmindernde Defizite in anderen Bereichen begünstigen. Das Programm wäre durch die damit zwangsläufig verbundenen Ängste und Verunsicherungen hinsichtlich Arbeitslosigkeit oder Chancenarmut zum Scheitern verurteilt, da es kaum die Mehrheitsunterstützung durch die Bürger der Europäischen Union fände. Solche Zusammenhänge werden von einem Psychoanalytiker in [7] schlüssig aufgezeigt. Außerdem wird von ihm die Europäische Union als "Gestaltungsraum für sozial-ökologische Wirtschaftspolitik eingefordert" (S. 75). Welche Maßnahmen versprechen einen Ausweg aus dem Desaster?

8.7. Soziokultureller Existenzsockel mit libertärem Arbeitsmarkt - eine reale Vision?

Das Modell Soziokultureller Existenzsockel unterscheidet sich nur wenig von anderen Grundsicherungsmodellen, wie sie in [8] vorgestellt und verglichen werden. Es besteht aus den Komponenten:

9.7.1. * Lebensgeld:

Es ermöglicht die an die Lebenshaltungskosten angepaßte Befriedigung der Minimalbedürfnisse an Nahrung, Kleidung, Energie.

9.7.2. * Obdach:

Es enthält den Anspruch auf eine Einfachunterkunft mit "Schlupfwinkel"-Funktion.

9.7.3. * Recht auf Arbeit:

Es entspricht dem Anspruch auf eine den individuellen Neigungen und Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit ohne konkrete Ansprüche auf bestimmte Leistungen.

9.7.4. * Gesundheitliche Grundversorgung:

Sie priorisiert die Prophylaxe, umfaßt auch "klassische" Therapien, u.a. Operationen mit stationärer Behandlung, jedoch keine "Hochleistungsmedizin". Dazu gehören auch der Suchtentzug mit dem Ziel der Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

9.7.5. * Persönlichkeitsentfaltende Erziehung und Bildung:

Sie gewähren die Entfaltung individueller Neigungen und Fähigkeiten. Dazu gehören kulturelle Bildung mit kostenlosem Zugang zu Bibliotheken, Museen, Tier- und Naturparks sowie künstlerische (Aus)bildung (Musik, Theater, Malerei...).
Im Gegensatz zu den gegenwärtig vorrangig diskutierten Grundsicherungsmodellen, bei denen die Leistungen nur den Bedürftigen zuerkannt werden, ist dieses "Paket existenzieller Grundbedürfnisse" für jeden Einzelnen, gleich ob arm oder reich, als Geburtsrecht "unantastbar" wie die Menschenwürde als eine Vorleistung der Gesellschaft anzusehen. Es entspricht damit einem Generationenvertrag auf höherer Ebene. Erst der soziokulturelle Existenzsockel ermöglicht die Entfaltung von Menschenwürde durch Zusicherung persönlicher Mindestfreiheiten auf Basis individueller humanistischer Entwicklung.
Weil sich Bedürftigkeitsprüfungen erübrigen, entfallen die damit einhergehenden Gefahren des Mißbrauches oder der Nichtzuerkennung trotz Bedürftigkeit. Als augenscheinlichster Vorteil wird gesehen, daß bereits jeder noch so kleinste Eigenerwerb einen linearen Zuwachs (gleich prozentuale Erwerbssteuer vorausgesetzt) an Einkünften zur Befriedigung von Zusatzbedürfnissen ermöglicht. Dagegen wird bei den bekannten Modellen durch das "stufenweise Abschmelzen" der Grundleistungen im unteren Einkommensbereich ein hoher Anteil des Erwerbes versteuert, was sich erwerbsmotivationshemmend auswirkt.
Der soziokulturelle Existenzsockel wird in der Modellbetrachtung mit einem Arbeitsmarkt verknüpft, der auf den ersten Blick extrem unsozial anmutet. Er kennt keine Lohntarifvorgaben, keinen Kündigungsschutz, keine vorgeschriebene Fortzahlung der Entlohnung bei Krankheit, Kur oder Urlaub und keine Altersgrenze für das Ausscheiden aus dem Erwerbsleben, nur Gesundheitsschutz, Minimalurlaub, maximal zulässige Wochenarbeitszeit, Sonn- und Feiertagsschutz. Der einheitliche lineare Steuersatz jeder Erwerbstätigkeit (Minderung z.B. für Behinderte denkbar) kann nach Rechenschaftslegung zur staatlichen Haushaltslage dynamisch an die jeweiligen ökonomischen Erfordernisse angeglichen werden. Die Erwerbssteuern stellen die einzigen Lohnnebenkosten dar und sollten 30...35 % nicht überschreiten. Bei den gegenwärtigen Lebenshaltungskosten in der BRD erhielte jeder Erwachsene ohne jegliche Antragstellung und Rechenschaftspflicht monatlich etwa 1200 DM unversteuertes "Lebensgeld" als Grundeinkommen, Kinder weniger. Die Grundsicherung wird steuerfinanziert. Der Hauptanteil stammt aus differenzierbaren Konsumsteuern nach dem Prinzip: Güter und Dienste für Grundbedürfnisse werden niedrig, für Luxusbedürfnisse hoch besteuert. Auch diese lassen sich - je nach Haushaltslage - zeitvariabel gestalten. Außerdem sollten angemessen hohe Erbschaftssteuern - Erbschaft ist Luxus, da zur Existenzsicherung nicht (mehr) erforderlich - angesetzt werden. Ausschließlich privat genutztes Vermögen sollte moderat besteuert werden, in Unternehmen investiertes dagegen nicht. Renditen aus Wertpapieren könnten in Höhe des Satzes für Erwerb besteuert werden. Außerdem ließen sich nutzungsspezifische Bodenpachten erheben, die allerdings die Deklaration von Boden als Generationeneigentum voraussetzen.
Das System ist solidarisch, weil der Leistungsstarke durch die Erwerbssteuer und vor allem durch höheranteiligen Luxuskonsum mehr zur Finanzierung beiträgt als der Einkommensschwache. Ein die Finanzierbarkeit des Systems in Frage stellendes "Ausruhen" zu großer Anteile an arbeitsfähigen Menschen wird nicht befürchtet. Solche Bürger kämen auf "keinen grünen Zweig" und müßten u.a. auf Reisen, ein Auto oder eine komfortabel eingerichtete Wohnung verzichten, Dinge, die ihnen der Nachbar ständig vor Augen führt. Eine Minderheit von Außenseitern mit asketischen Ansprüchen ohne Erwerbstätigkeit und geringen Konsumbedürfnissen dürften von der hocharbeitsteiligen und dadurch wertschöpfungsintensiven Gesellschaft auch während und nach Umstellung auf ökologisches Wirtschaften verkraftet werden.

8.8. Auswirkungen auf einen "libertären" Arbeitsmarkt

Zum wohl faszinierendsten Ergebnis zählt, daß sich quasi beliebig viele Arbeitsplätze einrichten lassen und zwar insbesondere für bisher kaum finanzierbare Aufgaben, wie im sozialen Bereich, zur Sanierung historischer Gebäude oder zur Beseitigung von Umweltschäden... Durch staatliche Arbeitsmarktpolitik lassen sich mit geringem Kosteneinsatz besonders dringliche Wertschöpfungsaufgaben, unter anderem die zur Neuregelung der Energiedienste, gezielt fördern. Dabei sind die Aufwendungen auf zinsbegünstigte Investitionskredite, Umschulungsteilfinanzierung, Beratung/Information beschränkbar und damit erheblich geringer als die gegenwärtiger staatlicher - häufig wahre Bedürfnisse mißachtender - Wirtschaftsförderung.
Ähnlich wie in Regionen mit Marktwirtschaft ohne soziale Ausprägung steuert sich der "Entlohnungswert" des Einzelnen durch Angebot und Nachfrage selbst. Jedoch frei vom Zwang, arbeiten zu müssen, kann er ihm zusagende Tätigkeiten auswählen. Zur Erwerbsarbeit gleichberechtigte Komponenten gesellschaftlicher Wertschöpfung sind die Eigenarbeit (z.B. Renovierungsarbeiten zu Hause) und die ehrenamtliche Arbeit. Unter diesen Rahmenbedingungen dürfte sich eine bisher nicht gekannte Vielfalt von "Tätigkeitsmenüs" - überwiegend objekt- oder aufgaben- statt mit zeitbezogener Entlohnung ausbilden. Damit verlieren die Begriffe Voll- oder Teilzeit, Haupt- oder Nebenerwerb ihren Sinn. Die individuell zusammengestellte Kombination von Tätigkeiten, das Splitten von Aufgaben und Arbeitsplätzen, Unterbrechungen zur Kinderbetreuung, Neu- oder Zusatzqualifikation, Studien, oder auch mehrjähriger Abenteuerurlaub... sind das Ergebnis einer selbstbestimmten Lebensführung, weitgehend frei von äußeren Zwängen. Die Unternehmen werden befreit von hohen Lohnnebenkosten. Als weiterer Vorteil zählt, daß der Arbeitgeber seinen Arbeitnehmer entlohnungsmäßig jederzeit gemäß seines momentanen "Arbeitswertes" einstufen kann. Der Erwerbstätige wird sich im Gegensatz zu heute bei der Wahl einer Arbeit in stärkerem Maße von Umfeldbedingungen wie Betriebsklima, Entfernung zur Wohnung u.a. leiten lassen als von der Höhe der Entlohnung und der Sicherheit des Arbeitsplatzes.

8.9. Einheitliche Einführung in der Europäischen Union?

Bereits gegenwärtig führen die unterschiedlichen Sozialsysteme in den einzelnen EU-Staaten zu wettbewerbsverzerrenden Problemen im Wirtschaftsbereich, die sich nach der abzeichnenden osteuropäischen Erweiterung noch verschärfen dürften. Der dringlich gebotene ökologische Umbau der Wirtschaft kann nur als koordinierte EU-Gemeinschaftsaufgabe angegangen und muß in ein dieser Anforderung genügendes Sozial- und Arbeitsmarktsystem eingebettet werden. Man sollte verschiedene Varianten solcher Grundsicherungssysteme mit ihren Vor- und Nachteilen diskutieren, um baldmöglichst Entscheidungen herbeizuführen. Weitere Details zum vorgestellten Modell finden sich in [9]. Kürzlich wurde dem Autor ein als "Ulmer Modell" proklamiertes Grundsicherungssystem bekannt, welches mit dem hier vorgestellten bezüglich dem allen Bürgern zu gewährenden Grundeinkommen übereinstimmt [10]. Im Netzwerk "BIEN" (Basic Income European Network) aktive Vordenker schlagen ebenfalls eine Grundsicherung für alle vor, genau wie auch die deutsche Bundesarbeitsgemeinschaft der Sozialhilfe-Initiativen.

8.10. Ethisches Bewußtsein führt zu verantwortetem Handeln

Derzeit ist das Ohnmachtsbewußtsein, nichts an den Zuständen ändern zu können, ähnlich verbreitet, wie die "Nach-mir-die Sintflut"-Mentalität vieler, vorwiegend älterer Menschen. Noch fragwürdiger ist häufig die einem als Desinteresse begegnende Gleichgültigkeit zahlreicher Mitbürger bzw. Mitbürgerinnen. Keiner wird einmal später sagen können, er hätte von alledem nichts gewußt, denn die Möglichkeiten zur gründlichen Information sind gegeben. Es ist doch kaum bestreitbar, daß den nachfolgenden Generationen das gleiche Recht auf ein menschenwürdiges Dasein zusteht, wie der gegenwärtigen. Wir tragen aber mit unserem Handeln und Geschehenlassen mit dazu bei, deren Lebensgrundlagen zu zerstören. Ein Jugendlicher hat diesen "nicht herkömmlichen Generationskonflikt" in einem "Plädoyer für das Recht der Jugend auf Zukunft" nachdrücklich zum Ausdruck gebracht [11].
Der soziokulturelle Existenzsockel verschafft jedem Mitglied der Gesellschaft Freiheiten, aus denen auch Verantwortung erwächst. Albert Schweitzer mit seiner Ehrfurcht-vor-dem-Leben-Ethik [12], Hans Jonas [13] und Erich Fromm [14] sind Vordenker für eine Bewußtseinsentwicklung, bei der die Wahrnehmung und Entfaltung eigener Freiheiten mit Verantwortungsbewußtsein verknüpft und so vor Mißbrauch gegenüber den Freiheitsrechten anderer, auch den Nachgeborenen, bewahrt bleibt. Lassen sich neue Wege wie die hier dargestellten in Form schlüssiger Visionen aufzeigen, wird verantwortungsbewußtes zukunftsorientiertes Handeln erleichtert. Daraus ließe sich als Postulat ableiten: Würdig als Glied einer zukunftsfähigen Gesellschaft erweist sich erst, wer mit seinen eigenen Freiheiten verantwortet umzugehen gelernt hat.

8.11. Literatur

[1] Jacob, Klaus: Das Ozonloch; Irrtümer, Fakten, Prognosen; bild der wissenschaft 1997, 9, S. 30-34
[2] Ewe, Thorwald: Bammel vor Chinas Schloten; bild der wissenschaft 1996, 5, S. 16-21
[3] Rahmstorf, Stefan: Bifurcations of the Atlantic thermohaline circulation in response to changes in the hydrological cycle; NATURE, 1995, vol 378, S. 145-149
[4] Umweltbundesamt: Nachhaltiges Deutschland - Wege zu einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung" ESV 1992, S. 55 (Tab. II 8, Endenergieverbrauch in D. 1992)
[5] Oberländer, Hans-Ulrich: Die vollständige Umstellung des Energiedienstes auf regenerative Quellen als dringliche Gegenwartsaufgabe in Liebert, W., Schmithals, F. (Hrsg.): Tschernobyl und kein Ende? Argumente für den Ausstieg, Szenarien für Alternativen; agenda 1997, S. 267 - 278
[6] Oberländer, Hans-Ulrich: Intelligente Systemkonzepte für GEORG? BIOSPHÄRE Nr. 20, 4/1998, S. 19-22
[7] Hilgers, Micha: Ozonloch und Saumagen - Motivationsfragen der Umweltpoltik; Hirzel 1997
[8] Kaltenborn, Bruno: Modelle der Grundsicherung: Ein systematischer Vergleich; Schriftenreihe des ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim), nomos V. 1995
[9] Oberländer, Hans-Ulrich: Vision mit Arbeitsgarantie? Soziokultureller Existenzsockel und libertärer Arbeitsmarkt; ZUKÜNFTE, 1997, Nr. 19, S. 66-68
[10] Pelzer, Helmut: Bürgergeld-Konzept nach dem Ulmer Modell; Zeitschrift für Sozialökonomie, März 1997, S. 39
[11] Tremmel, Jörg: Der Generationsbetrug; Plädoyer fürdas Recht der Jugend auf Zukunft; Eichborn 1996
[12] Schweitzer, Albert: Die Ehrfurcht vor dem Leben, Beck 1988 (5. Aufl.)
[13] Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation; Suhrkamp 1984
[14] Fromm, Erich: Haben oder Sein - Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft; dtv 1979


[40] Der Aufsatz ist weitgehend identisch mit der Tagungsband-Fassung eines Vortrages zur Internationalen Konferenz SATERRA - ZURÜCK ZUR VERNUNFT, 12.-15.11.1997 in Mittweida/Sachsen, Themenblock "Lebensqualitäten" unter dem Titel "Soziokultureller Existenzsockel und libertärer Arbeitsmarkt - eine Vision mit Arbeitgarantie?"


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