
@:ZIVIL_DYNAMIK
Die Dynamik der Menschheitszivilisationen seit der Neolithischen Revolution
und besonders der letzten 5000 Jahre vollzog sich in einem Muster von autokatalytischen
Prozessen, in einem Systolisch-
Diastolischen
Wechsel der Expansion
von zentrums-orientierten (zentripetalen)
Großreichen und ihrer Auflösung in der zentrifugalen
und feudalistischen
Regionalisation
und Balkanisation.
Dessen Struktur läßt sich in einem Spiel einer kleinen Zahl
entscheidender wirtschaftlicher und kommunikations- und
militärtechnologischer Faktoren darstellen. In der Logik der Kontrollsysteme
läßt es sich als das Spannungsfeld zwischen Hierarchie,
Heterarchie,
und Anarchie
darstellen. Dieses Muster ist sowohl anhand der Forschungen zum Zusammenbruch
der bronzezeitlichen Reiche durch Eberhard Zangger[51], als auch der Arbeiten Gibbons,
Toynbees,
und Spenglers
zur Dynamik der Entwicklung und des Zusammenbruchs des Römischen Reichs,
sowie der Welthochkulturen allgemein nachzuverfolgen. In Bezug auf die
militärtechnologischen Faktoren stütze ich mich besonders auf die
Arbeiten von O'Connel[52] und Dudley[53], sowie DeLanda.
Herbert Spencer
hat die Ansätze geliefert, um dieses Wechselspiel von Zentralisation
und Regionalisation
in die Kategorien einer systematischen Betrachtung allgemeiner
Phänomene im Spannungsfeld zwischen zentripetaler
höher- komplexer
(hierarchischer)
Organisation und den zentrifugalen Kräften, die zur Dezentralisation
und regionaler Autonomie
führen, auszuweiten. In der bisherigen Geschichts- und Kulturwissenschaft
wurde dieses Spiel im Wesentlichen nur als dualistisch, zwischen Hierarchie
und Anarchie
gesehen, die Möglichkeiten der Heterarchie
blieben durch die dualistische aristotelische Denkweise
(2-wertige Logik)
im Wesentlichen verborgen. Demnach ist die Thematik der Dreigliederung
eine Anwendung mehrwertiger Logiken
auf die Gesellschaftstheorie,
ein dringend noch zu erstellendes Fundament der menschlichen logischen
Denkstrukturen[54]. Ihre gesellschaftliche Anwendung ist
demnach ein Problem der erfolgreichen Installation einer Heterarchie.
Mit diesem Ansatz ist nicht nur das bisherige konventionelle Schema gegeben,
biologisch- darwinistische
Erklärungsmodelle (deren Muster, wie bekannt aus dem Untergrund von Spencers
Sozialdarwinismus
stammen) auf soziale Strukturen zu übertragen, sondern umgekehrt auch eine
neue Sicht auf proto-soziale Strukturen in nicht-menschlichen Substrata zu
eröffnen. Es entbindet damit die Geschichtswissenschaft
von ihrer bisherigen Fixierung auf "große Männer", die die
Geschichte bewegen, und eröffnet die Sichtweise auf eine neue Darstellung
der Republik unter der Berücksichtigung transpersonaler Dynamiken, die als
essentiell kulturmorphologische Kräfte wirken und sich der menschlichen
Aktoren lediglich bedienen. In den Arbeiten von Leslie A. White[55] und Jacques Neirynck[56] wurden die Technologie-
, Energie-
, Entropie-
und Dissipationsaspekte
dieser Thematik behandelt. Innis,
Havelock
und McLuhan
behandelten die Kommunikations- und Informationsaspekte. In einer
großartigen Gesamtschau wurde dieser Komplex dann von Lewis Mumford
als "der Mythos der Maschine"
beschrieben, nur hat er mit seiner Wortwahl des "Mythos" leider trotz seiner
extrem genauen Detailbeschreibung die Chance vergeben, die von ihm
beschriebenen Wirkmechanismen einer den Wissenschaftskriterien (etwa
kybernetischer Richtung) genügenden sozialpathologischen Diagnostik zu
unterziehen.
Nach dieser energie- entropie- und informations- getriebenen Dynamik erfolgt die Konglomeration von Großreichen entlang der verfügbaren Material- und Informationsbahnen, die in den früheren Reichen die Wasserwege und Straßen waren. Das Römische Reich basierte auf dem zentralen Transport- und Informationsraum des Mittelmeeres, um sich von hier aus mit Straßen zur Peripherie hin auszudehnen, und brach dann zusammen, als die hiermit leicht erreichbaren verfügbaren Ressourcen ausgeblutet waren. Wie McLuhan (nach Innis) vermerkt, war der kommunikationstechnische breaking point erreicht, als die Lieferungen von Papyrus aus Ägypten ausblieben, und der Reichsverwaltung die kommunikations- / informationstechnische Basis entzogen war. Die europäischen Nationalstaaten sind eine Späterscheinung der nachfolgenden Zersplitterung und Feudalisierung der Nordhälfte des Römischen Reiches, während die Südhälfte in der islamischen Expansion diese Expansionsdynamik mit anderen Mitteln, und auf anderen Wegen, hauptsächlich über Land und durch Wüsten (Kamele, Reiterei) noch einmal 1000 Jahre weiter fortsetzte.
Die maximale Größe des Kontrollradius einer Zentralstruktur zu ihrer Peripherie ist entscheidend von den Faktoren der Signallaufzeit und Reaktionsgeschwindigkeit abhängig, mit der die Zentrale auf Ereignisse an der Peripherie reagieren kann. Dieses allgemeine Gesetz von Signallaufzeit und Reaktionsgeschwindigkeit gilt für alle Organisationsformen, sozialer wie biologischer Art und ist die entscheidende Grenze für das Wachstum von Komplexen. Wie die heutige informationstechnologische Situation, ist die Menschheit heute technologisch schon über die Schwelle der Globalisation hinausgeschritten, die politisch sehr wohl noch die Form eines globalen Großreichs annehmen kann. Hierbei könnte uns der wieder erstarkende islamische Geist durchaus noch interessante Aspekte in Form eines globalen Djihads und Kalifats präsentieren. Der Islam erschien nämlich immer schon, anders als das Christentum, in der Doppelgestalt einer Religion und eines politischen Machtstruktursystems, und seine Schlagkraft entstand schon immer aus der unbedingten Unterwerfung (Islam) der Mitglieder unter den Zentralwillen. Die geistige Führerschaft des Kalifats wurde dabei immer post hoc einvernehmlich geregelt, dadurch, daß der, der den Sieg auf dem Schlachtfeld errungen hatte, definitionsgemäß in die Blutlinie der Nachfolgeschaft des Propheten eintrat, was damit seine spirituelle Legitimation versicherte.
@:ZENTRIPETAL_FUGAL
Die sich immer wiederholende Folge von zentripetalen
und zentrifugalen
Phasen in der Menschheitsgeschichte enthüllt in ihrem Detail
schicksalhafte Wendungen, die "auf Messers Schneide" nur von ganz bestimmten
kommunikations-, material- und waffentechnologischen Umständen einer
Epoche abhingen, die zu einer anderen Entwicklungsstufe keinerlei Belang gehabt
hätten. So hing der Fortbestand des heute mächtigsten kontinentalen
Großreichs
der Menschheit, der USA,
nur von dem historischen Zufall ab, daß gerade zu dem Augenblick, als die
Zerfallsdynamik einsetzte (der Sezessionskrieg),
die Eisenbahn
genau die notwendige Infrastruktur zur Mobilisierung des ersten industriellen
Großkriegs[57] der Menschheit lieferte (45 Jahre vor dem 1.
Weltkrieg!), mit dem die Nordstaaten
dann die Einheit der Union
bewahrten. Eben derselbe Faktor hatte praktisch zur selben Zeit, 1870, den
leider für unsere europäische Regionalgeschichte so fatalen Erfolg
der Gründung des preußisch-deutschen Reiches verursacht, da der
preußisch-französische Krieg
hauptsächlich durch die peinlich genaue Abstimmung der Fahrpläne
der Truppentransportzüge
durch die leider nie ausreichend gewürdigten Helden der preußischen
Reichsbahn
gewonnen wurde. Ehre wem Ehre gebührt! Vermittels dieser stählernen
Stränge quer über die Kontinente, der stählernen Dampfschiffahrtsrouten,
und der Telegrafen,
war auch die geopolitische Machtbasis
für die Eroberung des ganzen Planeten durch die Koalition der
europäischen Kolonialisten
gegeben. Seit genau dieser Zeit, also dem letzten Drittel des 19. Jh.,
können wir von einer vollendeten Globalisierung
sprechen. Seitdem befindet sich aber die Weltgeschichte
in einer Instabilitätsphase, da die globale politische Spitze seitdem
entweder im Krieg steht (1. u. 2. Weltkrieg),
oder einer instabilen Patt-Koalition (Mächtepolitik vor dem 1. WK, Kalter
Krieg),
und von einem ziemlich handlungsunfähigen Plaudergremium (Völkerbund,
UN)
verwaltet wird. Nach der Spencer'schen
Analyse sind solche Instabilitätspositionen nicht dauerhaft, und wirken
als Attraktoren zur Formierung neuer Großreich-Machtkomplexe.
In der weiteren europäischen Geschichte ist die Entstehung der (ersten
mitteleuropäischen Demokratie der) Schweiz
ebenfalls in einen historisch schicksalshaften Moment gefallen, bevor die
allgemeine Einführung von Feuerwaffen
das Kriegsgeschäft zu einer Großkapitals-Angelegenheit gemacht
hatten, die nur noch von Nationalstaaten und ihren großkapitalistischen
Ausrüstern (so zuerst die Fuggers) geführt werden konnte. Die
Schweizer hatten mit ihrer Infanterie
im entscheidenden Moment eine taktische Überlegenheit gegen die Panzerreiter
gewonnen, und konnten sich die Freiheit ihres Staates erkämpfen, und mit
dem Verleih ihrer Legionäre
dann selber anfangen, den Grundstock für ihr Großkapital
zu legen. Mit einer analogen schweren Infanterie-Taktik,
den Hopliten,
gewannen die Griechen
auch ihre Unabhängigkeit gegen die Perser.
Deren Reiter (die unsterblichen Zehntausend)
hatten keine Steigbügel,
was ihre Wirkunggegen die schwere Infanterie nutzlos machte. Ihre Pfeile
waren gegen die schwergepanzerten Hopliten
wirkungslos. Das war auch der Grund, warum die Römer
sich ebenfalls lieber auf ihre Legionäre
verließen und das Reiten den sowieso nicht so zuverlässigen
Hilfstruppen überließen, die hauptsächlich dazu da waren, viel
Staub aufzuwirbeln. Der Zusammenbruch der bronzezeitlichen Reiche
war eine Folge der Achillesferse
des allgemein verwendeten strategischen Materials, der Bronze,
die essentiell für die Bewaffnung der Elitesoldaten
war. (Achill
als der symptomatische Superheros dieses Zeitalters). Die Metalle
mußten von weit her über lange Handelswege beschafft werden, und
eine längere Unterbrechung ihres Nachschubs zog meist den Zusammenbruch
der Zentralmacht
nach sich. Da man mit dem Eisen
dann ein in lokalen Lagerstätten verfügbares Material gefunden hatte,
das waffentechnisch die Bronze
bald überflügelte, erlebte das östliche Mittelmeer ab ca. -1400
einen jähen Ruck in Richtung Dezentralisation,
die Mykenische Palastkultur
ging unter, wahrscheinlich unter den Fackeln von aufständischer
Landbevölkerung, der es nicht mehr paßte, Tribute an die hohen
Herren in den Burgen zu zahlen. (Siehe Zangger).
Die relative Isolation und Rückständigkeit der Griechen bis zu ihrem
goldenen perikleischen Zeitalter um -400 war demnach eine Spätfolge einer
entscheidenden zentrifugalen Wende und der Rückwendung auf die
multizentrisch- regionale Form der Polis.
Nach der geschichtsmorphologischen chaos-dynamischen Theorie, wie sei etwa von Ralph Abraham dargestellt wird, ist das augenblickliche zentripetale / zentrifugale politische Spannungsfeld der Erdzivilisation von Hierarchie und Anarchie auf einem Bifurkationspunkt mit folgenden worst-case Szenarios: 1) Eines globalen Großreiches fundamentalistischer islamistischer oder techno-kapitalistisch- sozialdarwinistischer Prägung und 2) der Balkanisierung in ein Globalchaos von Stammesfehden[58] um unverseuchten Lebensraum, um die essentiellen menschlichen Grundbedürfnisse, wie sauberes Wasser[59] und Ackerland, die mit allen verfügbaren Waffen ausgetragen werden, von Tretminen, zu chemischen Kampfstoffen bis zu Atom-Restbeständen der Sowjetarmee. Das letztere Szenario ist wohl das wahrscheinlichere, und die in den letzten 50 Jahren weltweit stattfindenden Regionalkriege sind der Beweis dafür, daß der Prozess schon lange im Gang ist. Diese Beispiele zeigen, daß die Regionalisierung "an sich" keine Alternative zur Großreichsbildung bietet, sonderen nach allen Erfahrungen der Geschichte fast immer ins feudalistisch- tribalistische Chaos einer meistens auf die unschönste Weise in ewig perpetuierte Lokalmetzeleien zersplitterten Stammes-"kultur" geführt hat[60]. Wie wir ebenfalls aus der Geschichte (seit Ibn Chaldun) wissen, war die Bildung der Großreiche nicht so sehr auf die brutale Gewalt von Eroberercliquen zurückzuführen, sondern auf die kühle Kalkulation der seßhaften Bürger in den Städten, die sich sehr wohl ausrechnen konnten, unter welcher politischen Form sie wohl die besten Überlebenschancen hatten.
Unsere heutige Welt steht direkt vor dem Abgrund des totalen Ökozusammenbruchs und Auslöschung der Menschheitszivilisationen als Folge der autokatalytischen Dynamik einer entfesselten Kapitalismus-Technologie-Maschine[61], deren Genese wohl am eindringlichsten von Mumford beschrieben worden ist. Wie diese Überlegungen erkennen lassen, ist die Problematik des globalen Spannungsfeldes von Hierarchie und Anarchie eine Entscheidungsfrage, in der es sehr viele schlechte Lösungen, und nur wenig gute gibt. Die Grundstruktur dieses Problems ist uns seit Odysseus als das Skylla-und-Charybdis-Dilemma bekannt. Kommen wir einem der Pole zu nahe, werden wir scheitern. Die heutige Situation ist leider nur durch eine wesentlich kompliziertere Situation gekennzeichnet. Da es sich hierbei um Attraktoren handelt, merken wir erst, daß wir einem zu nahe gekommen sind, wenn die Umkehr schon zu spät ist. Zwar bestehen Ansätze zur Transnationalisierung, wie die EU, aber der ist es nicht im geringsten gelungen, den Nationalstaaten ein Stückchen ihrer Souveränität abzuringen, und wo, dann in einem hautpsächlich zum Selbstzweck ausgearteten Verwaltungswahnsinn, mit Bürokratiebarrikaden, die jede örtliche Initiative in einem Sumpf von nationalen und EU-Vorschriften ersticken, so daß nur noch Großkonzerne mit ganzen Stäben von Verwaltungsjuristen ihre Pfade in diesen Paragraphendschungel schlagen können, die sie dann natürlich wie die feudalen Raubritter guter alter Zeiten wie ihr Erbterritorium verteidigen. All dies wirkt sich leider kaum fördernd auf die Regeneration der innovativen Potentiale an der Basis aus. Der geschichtlich notwendige Gegenpol zum Abbau der Machtstrukturen des Nationalstaats muß aus den Regionen kommen. Wenn keine aktive, politische Kraft auf dieser Basis entsteht, wird die EU weiterhin eine nationalstaatliche Farce bleiben. In der Logik der Kontrollsysteme gesehen, stellt sind hier die Frage nach der erfolgreichen Installation eines Heterarchischen Systems. Dies ist, wie ich in meiner Dissertation anführe, in ihrem Grunde eine Frage der mehrwertigen (transaristotelischen) Logik sozialer Systeme. Wird sie im Rahmen der zweiwertigen Logik versucht, ist ihr Verhalten immer chaotisch und unvorhersehbar, genau wie das gravitationale Dreikörperproblem, das von Radermacher in "Evolution und Intelligenz" erwähnt wird. Nichtsdestotrotz hat es in der Geschichte schon soziale Experimente einer Installation der Heterarchie gegeben, was wir uns nun im Rückblick auf 2 Großphasen von je etwa 600 Jahren in der europäischen Geschichte ansehen wollen.
Dazu können wir eine Rückbesinnung auf den Aufstieg und Niedergang der freien Reichsstädte Deutschlands vornehmen, die einst im hohen Mittelalter unabhängig und frei von der Kreativität und Betriebsamkeit ihrer Bürger prosperierten. Dieser Aufstieg und Niedergang der Idee der freien deutschen Reichsstädte verzeichnet den Verlauf des eines der beiden überhaupt gemachten und halbwegs erfolgreichen Experimente regional-autonomer politischer Heterarchie im nachantiken Europa. Das andere Experiment waren die italienischen Stadtrepubliken, hier vor allem ihr erfolgreichster Repräsentant, Venedig. Ihr Verlauf vollzog sich in zwei Phasen von jeweils etwa 600 Jahren nach dem Untergang des Römischen Reiches. Im Hochmittelalter hatte das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" eine Struktur schwacher zentraler Autorität geschaffen, die, was besonders wichtig war, kein festes regionales Zentrum hatte. Der Kaiser mußte, permanent auf Wanderschaft, seinen Hof immer in einer neuen Stadt aufschlagen. Was dem Kaiser zur Beschwerde gereichte, war die Esszenz der Lebensblüte einer ganzen europäischen Kulturepoche, deren Segnungen leider zu Unrecht als rückständig in Vergessenheit geraten sind. Das Wanderzentrum versicherte, trotz Bestehens eines nominellen Zentrums in Gestalt des Kaisers, daß sich keine allzu dauerhaften Hierarchiestrukturen an einem Ort festsetzen konnten, wie dann später als extremsten Gegenbeispiel, in Versailles geschehen. Leider ist ein Heterarchisches System als rein empirische Konstruktion ohne logisches Fundament extrem instabil, und neigt immer zum Abgleiten in Anarchie oder Hierarchie. So war auch das mittelalterliche Modell mit einer instabilen Machtsituation verbunden, in die zuerst die Römische Kirche, und später die aufwachsenden zentralistischen Strukturen der anderen europäischen Nationen, vor allem der Imperialismus Frankreichs, ihre Breschen schlugen, bis das deutsche Modell dann im Blutbad des 30jährigen Krieges sein furioses Ende nahm, und das französische Nationalmodell des hierarchischen Zentralstaates in Form des Roi Soleil die Oberherrschaft auf dem Kontinent antrat. Dieses Sonnenzentrierte Modell war der direkte logische Nachkomme der Sonnenkönigschaft Ägyptens, und trat nicht ohne Grund zeitgleich mit der sonnenzentrierten Kosmologie von Kopernikus, Galileo und Newton, seinen Siegeszug um die Erde an. Analog ließe sich der Aufstieg und Untergang der italienischen Städte nachverfolgen, deren erfolgreichster Repräsentant, Venedig, immerhin mit einer Lebensdauer von mehr als 1100 Jahren damit die langlebigste europäische Staatstruktur war, einige Jahre länger als das Oströmische Reich und das Imperium Romanum, sowohl in seiner republikanischen wie imperialen Phase. Venedig hatte die bisher erfolgreichste empirische Lösung einer Heterarchiestruktur installiert, die auf der Pentarchie der hohen Räte der Stadt beruhte. Diese Struktur genauer zu untersuchen, sprengt allerdings den Rahmen dieser Übersicht. Anzumerken ist, daß erstmalig (und einmalig) in der europäischen Denkgeschichte nach Aristoteles dem Faktor der Dynamis in der Staatsstruktur explizit Rechnung getragen wurde. (Wie Kornwachs einmal in einem Seminar in Ulm bemerkte, stellt die Dynamis des Aristoteles das am besten gehütete Geheimnis der scholastischen Verdeckung der wesentlichen Inhalte der Lehre des Aristoteles dar). Venedig wurde ebenfalls vom hierarchischen Imperialismus liquidiert, diesmal von Napoleon. Um noch eine wesentliche Weltkultur am Rande zu erwähnen: Die Arbeiten von Alfred Schinz beschäftigen sich mit Schlüsselaspekten des Chinesischen Reiches, welches das überhaupt größte und langlebigste kontinentale Großreich der Menschheitsgeschichte ist. Seine Stabilität hing nicht nur von dem allseits bekannten zentralistischen Kaiserhof ab, sonderen auch von einer feinen Balance der regionalen Autonomie. China war immer am reichsten und kulturell führend, wenn der Kaiserhof am wenigsten in die Geschäfte der Provinzen hereinredete. Leider waren solche Phasen deshalb nie von Dauer, weil dann immer Invasoren von außen das Land überfielen, und dem Frieden ein Ende machten, so daß man dann notgedrungen wieder an die Installation eines unvermeidlich oppressiven und erwürgenden Zentralstaats gehen mußte.
@:LEOPOLD_KOHR
Die Arbeiten Leopold Kohrs
über die menschengerechte Stadt, sowie von Ivan Illich,
bieten uns reichlich Material über die Architekturen der "Conviviality",
die das essentielle lokale und regionale Substratum für die oben
beschriebene politische Struktur des Heiligen Römischen Reichs
waren. Die dezentrale politische Global-organisation reflektierte sich in einer
regional optimalen Infrastruktur,
und die damaligen Städte waren in ihrer Struktur und Architektur direkt
auf diesen Zweck hin ausgerichtet. Leopold Kohr
hat in seinen Arbeiten die Forschung von menschenorientierten
Kommunikationsformen und Wirtschaftsräumen in unserem Jahrhundert
beispielhaft wieder aufgegriffen. Im Rahmen der Wiederentdeckung der
Regionalisierung
bietet die Kommunikations-Infrastruktur
einer wohlhabenden, weitgehend autonomen Wirtschaftsregion
des ausgehenden Mittelalters,
den Anlaß, dies mit den Anforderungen und Möglichkeiten der heutigen
sozio-technologischen Verhältnisse in Bezug setzen, und aufbauend auf die
alte Tradition, ein soziales Kommunikationsmodell einer nach europäischem
Subsidiaritätsprinzip
gestalteten regionalen Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft
zu formulieren. Das hohe Mittelalter
des heiligen Römischen Reiches
deutscher Nation hatte, auch bedingt durch die sehr günstigen
Klimaverhältnisse, mit der Unabhängigkeit der Reichsstädte
und der Blüte des Handwerkertums
einen Höhepunkt des Wohlstands der mittelständischen Kultur
zu verzeichen. Ein wesentlicher Faktor des damaligen Wohlstands war die Rolle
der Stadt als Kommunikationszentrum und Informationsmarkt.
Dies nahm in den folgenden Jahrhunderten langsam aber unaufhaltsam seinen
Niedergang. Wesentlicher Faktor dabei war die Zerschlagung der Gilden,
ein Werk der Zentralherrscher
und ihrer Großkapitalisten,
etwa der Fugger,
denen die strikten Regulationen ein Hindernis in ihrer unbegrenzten
Kapitalverwertung
waren. Der Bergbau,
als die erste im großkapitalistischen Maßstab betriebene
Unternehmung war hierbei der Schlüsselfaktor, weil das auf diese Weise
gewonne Metall dazu diente, die Kanonen
zu gießen, mit denen die Wälle der Städte zerschossen werden
konnten.
@:CONVIVIALITY
Ich liste einige der kommunikativen Infrastrukturen, die für eine
lebenswerte Kulturumwelt
(Conviviality)
im Sinne Kohrs
notwendig sind: Märkte,
Treffpunkte,
Orte der Verlangsamung.
Wo Verlangsamung auftritt, entsteht menschlicher Sozialkontakt.
Dieser ist die Esszenz von Conviviality,
dem Summum Bonum
des Gemeinschaftslebens nach Aristoteles.
Selbsthilfe,
persönliche und virtuelle Nachbarschaften.
Lokale Bedarfsdeckung
in Doppelfunktion als menschlicher Sozialkontakt. Kulturtherapeutische Aspekte,
Regeneration von Stadtfunktionen,
die im Zuge des automobilgerechten Städtebaus
verlorengingen. Da besonders die Thematik des verloren gegangenen kulturellen
Rhythmus.
Dieses Thema ist in einer so fatalen Weise in Vergessenheit geraten, daß
es praktisch keine Literatur darüber gibt. (Ausnahmen: K. Bücher:
"Arbeit und Rhythmus", Edward T. Hall).
Seine Relevanz ist dafür proprtional um so höher. Die Hauptursache
vegetativer Fehlfunktionen heutiger Zivilisationsbewohner, und damit der
meisten Zivilisationskrankheiten,
ist die Unterbrechung des kommunalen Rhythmus
durch Unterbrechung der normalen menschlichen Kommunikationskanäle.
Vertrauensverlust,
die Vorherrschaft formalisierter Mittel, wie Polizei,
Rechtanwälte,
Vorschriften,
Bestimmungen,
etc, alle Pathologiesymptome
der überbürokratisierten Gesellschaft
sind damit verbunden.
@:A_SCHINZ
Hier soll die Arbeit von Alfred Schinz
(1919-1998) gewürdigt werden. Ich arbeitete mehrere Jahre eng mit ihm
zusammen, und daraus ist ein Zusammenfließen unserer Vorstellungen und
Intentionen entstanden, so daß ich hier auch sein Lebenswerk im Rahmen
meiner Möglichkeiten fortführe. Alfred Schinz
starb inmitten der Arbeitder Zusammenfassung und Aufbereitung der Ergebnisse
seiner 50-jährigen Lebensarbeit als Stadt- und Lebensraumplaner im In- und
Ausland. Sein Hauptthema war die long-time Sustainability menschlicher
Lebensformen. In mehreren Aufsätzen kontrastiert er z.B. die westlichen
Raubbau- und Expansions-Kulturen nach mesopotamischen
Muster (siehe: Garten Eden) mit dem seit 10.000 Jahren stabilen System der
chinesischen Ackerbau-Kultur. Das China der Song-Dynastie
stellte damals die höchste technologische und kulturelle Stufe der
Zivilisationsentwicklung dar. Neben seiner persönlichen Erfahrung in China
bezieht er sich wesentlich auf Needham
(Science and civilization in China). Sein Werk "The Magic Square"
(1997) beschreibt dies vor allem in Bezug auf die Glaubens- Kosmologie-
Maß- und Techniksysteme, die Wertvorstellungen einer Jahrtausende alten
Kultur seßhafter Menschen, des bäuerlichen China.
Alfred Schinz war im Berliner Exportviertel aufgewachsen, wo sein Vater als Patentanwalt die Patente der ansässigen Kleinfirmen bearbeitete. Das Berliner Exportviertel genoß in aller Welt eine Berühmtheit als Sitz vieler äußerst leistungsfähiger Kleinfirmen, die ihre Spezialerzeugnisse auf den Märkten der Welt verkauften, wie die "Berliner Fliegenfalle", die in den Zoos für das Lebendfutter der Terrrarien und Aquarien sorgte, oder das "Berliner Schaukelpferd", das von einem einzigen Handwerker hergestellt wurde, naturecht modelliert und mit Fohlenfell bespannt, und in New York Höchstpreise erzielte. Nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg hatte Alfred Schinz eine Bestandsaufnahme der übriggebliebenen Substanz gemacht, und eine Studie angefertigt, wie das Viertel wieder belebt werden könnte. Einer der wirtschaftlichen Hauptfaktoren des Viertels ließ sich nicht wieder herstellen: Gewerberaummieten von 1 DM pro Quadratmeter. Das Berliner Exportviertel war eines von mehreren Zentren im Vorkriegsdeutschland, in denen eine enge hochqualitative Zusammenarbeit von vielen kleinen Betrieben in einer Atmosphäre reger Kommunikation stattfand, wie sie durch die Infrastruktur der Stadt (die Kneipen um die Ecke) ermöglicht war (siehe dazu auch Leopold Kohr). Leider sind diese Kommunikationsstrukturen durch die Nachkriegs-Umwandlung der Städte zerstört worden.
@:F_STEINBEIS
Auch in Württemberg
hatte es eine solche Infrastruktur gegeben, die maßgeblich durch
Ferdinand Steinbeis
geschaffen worden war, und mit der Qualität und dem Erfindungsgeist des
Handwerks
eine Industriebasis
geschaffen hatte, die sich schnell ihre bis heute haltende
Führungsstellung in der Welt erarbeitet hatte. Das Industriemodell Steinbeis
setzte vor allem den menschlichen Faktor der Qualität,
die nur durch eine gesunde Lebensumwelt gewährleistet werden konnte, gegen
den ungehemmten Ausbeutungs- Industriekapitalismus
besonders britischer Prägung (Manchester-Kaptialismus), der letztlich nur
minderwertige Ware liefern konnte, da die Menschen zu reinen Robotern
degradiert worden waren. Diese Lehre aus der Geschichte wird heute leider
angesichts der Überschwemmung mit Produkten aus Billiglohnländern
zu selten erinnert. Man kann nicht eine Stellung als
Welt-Qualitätsführer halten, wenn man sein Produktionssystem auf
Entwicklungsland-Status
zurückfährt. Das Beispiel Steinbeis zeigt, daß auch eine
hochentwickelte Industrie ein menschliches Maß haben kann, und
menschliche Qualitäten hervorbringen kann.
Das Wirken von Ferdinand Steinbeis, der in Ulm begraben ist, gibt uns einen
Blick auf eine besonders kritische Epoche aus der an verpassten Gelegenheiten
so reichen deutschen Geschichte. Dies war die Zeit, als (nach Leopold Kohr),
der deutsche Zollverein
noch eine mögliche politische Alternative zu dem preußischen
Militär-Monsterstaat
war, dessen brutale Eroberungs- und Machtpolitik die Konvulsionen der deutschen
Geschichte des 20 Jh. verursachte. Das Land Württemberg war ein autonomer
Kleinstaat, im Sinne der Theorie von Leopold Kohr eine optimale, dem Menschen
angepaßte wirtschaftliche und politische Einheit. Unter der
aufgeklärten Führung eines Nachfolgers von König Wilhelm I.
wäre ein autonomes Württemberg heute sehr gut als subsidiäre Region
im Sinne von Leopold Kohr in eine europäische Zoll- und Wirtschaftsunion
einzubeziehen.
[48] u.a. in meiner Schrift: Morphologies of
Cultural Memory.
[49] Ich glaube, das Zitat ist von Santayana.
Mein kleiner Zusatz ist, daß der nächste Versuch der Wiederholung
von den Abkömmlingen der Termiten und Küchenschaben zu leisten sein
wird.
[50] z.B.: Heise Verlag: Telepolis
Special
(URL)
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/default.html
-> Memetik:
(URL)
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/mem/default.html
-> Globales Gehirn
(URL)
http://www.heise.de/tp/deutsch/special/glob/default.html
The Lucifer Principle:
(URL)
http://www.bookworld.com/lucifer/
(URL)
http://www.bookworld.com/lucifer/links.html
Journal of Memetics - Evolutionary Models of Information Transmission :
(URL)
http://www.cpm.mmu.ac.uk/jom-emit/1997/vol1/index.html
The Lycaeum :
(URL)
http://www.lycaeum.org/
(URL)
http://www.lycaeum.org/~sputnik/Memetics/index.html
[51] "Ein neuer Kampf um Troja", Knaur
1994.
[52] O'Connel, Robert: Of Arms and Men, Oxford
Uni Press, 1989
[53] Dudley, Leonard M.: The Word and the
Sword, Blackwell, Cambridge, Mass. 1991
[54] Siehe dazu: Goppold, Andreas: Information and Third Order Ontology, FIS '96, Vienna, to appear in BioSystems, 1998
[55] The science of culture, The concept of
cultural systems
[56] Neirynck, Jacques: Der göttliche
Ingenieur, Expert, Renningen 1994
[57] Hier wurden die ersten "Geheimwaffen" des
Technologiekriegs (wenn auch ohne großen Erfolg) erprobt: U-Boote,
Panzerschiffe, (Prototypen der) Maschinengewehre, wie Gatling-Guns, etc. Das
alles wurde dann erst so richtig im 1.WK oder sogar erst im 2. WK verfeinert.
Der preußisch-französische Krieg war dagegen noch recht
konventionell, wenn man von dem Faktor der Eisenbahn absieht. So z.B. waren die
Franzosen mit einem besseren (schneller schießenden) Gewehr
ausgerüstet, was die Preußen aber nicht am Sieg hinderte.
[58] Siehe dazu auch die im WS 1996/1997
stattgefundene Veranstaltung "Ethnic violence" der Anthropologie, Uni Ulm.
[59] Siehe die Euphrat-Tigris Staudammpolitik
der Türkei.
[60] Auch hier ist Bosnien nur die
hoffnungsvolle Wiederaufnahme eines ewigen Menschheitsthemas, das die Welt seit
'zig Jahrtausenden im Bann hält. Siehe auch Herbert Spencer, Leo
Frobenius, "Weltgeschichte des Krieges", und andere anthropologische Literatur
zur unvermeidlichen Dynamik der Stammeskriege.
[61] um den Begriff von Mumford zu verwenden.