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Globalzivilisation, Globalchaos, oder Globalherrschaft:
kulturmorphologische Aspekte


@:GLOBAL_DOC

Thesenpapier zur IFG 1997, Ulm
Andreas Goppold
Postf. 2060, D-89010 Ulm, Germany
(URL) mailto:goppold@faw.uni-ulm.de

Im folgenden soll aus der kulturmorphologischen Sicht, die ich entwickele[48], eine stichwortartige Darstellung der kulturellen Tiefenstrukturen gegeben werden, die seit der Neolithischen Revolution die Dynamik der Menschheitsentwicklung antreiben. In der anstehenden Frage gilt, wie überall sonst, der Satz:
Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen[49].

Die Grundmuster der heutigen zivilisatorischen Problematiken lassen sich in ihrer Morphologie schon in der Zivilisationsdynamik früherer Weltkulturen ausmachen, und die großen Werke der Geschichts- und Kulturtheoretiker wie Gibbon, Spencer, Toynbee, Spengler und Mumford haben uns dazu die jeweils dem Wissensstand ihrer Epoche entsprechende Darstellung gegeben. Neben diesen Klassikern sind neuere Quellen besonders die Beiträge der Toronto-Schule (Innis, Havelock, McLuhan, DeKerckhove, und Veltman) sowie die deutschen Arbeiten von Assmann&Assmann und Kittler, zur Bedeutung der Kommunikations-Technologien und -Infrastrukturen der Zivilisationen, sowie die Arbeiten zur thermodynamischen und autokatalytischen Kulturtheorie von Howard Bloom, Jared Diamond, Jacques Neirynck, Heiner Mühlmann, sowie das breite Feld der Memetik[50].

1. Die Dynamik der Menschheitszivilisationen
im Spannungsfeld zwischen Hierarchie, Heterarchie, und Anarchie

@:ZIVIL_DYNAMIK
Die Dynamik der Menschheitszivilisationen seit der Neolithischen Revolution und besonders der letzten 5000 Jahre vollzog sich in einem Muster von autokatalytischen Prozessen, in einem Systolisch- Diastolischen Wechsel der Expansion von zentrums-orientierten (zentripetalen) Großreichen und ihrer Auflösung in der zentrifugalen und feudalistischen Regionalisation und Balkanisation. Dessen Struktur läßt sich in einem Spiel einer kleinen Zahl entscheidender wirtschaftlicher und kommunikations- und militärtechnologischer Faktoren darstellen. In der Logik der Kontrollsysteme läßt es sich als das Spannungsfeld zwischen Hierarchie, Heterarchie, und Anarchie darstellen. Dieses Muster ist sowohl anhand der Forschungen zum Zusammenbruch der bronzezeitlichen Reiche durch Eberhard Zangger[51], als auch der Arbeiten Gibbons, Toynbees, und Spenglers zur Dynamik der Entwicklung und des Zusammenbruchs des Römischen Reichs, sowie der Welthochkulturen allgemein nachzuverfolgen. In Bezug auf die militärtechnologischen Faktoren stütze ich mich besonders auf die Arbeiten von O'Connel[52] und Dudley[53], sowie DeLanda. Herbert Spencer hat die Ansätze geliefert, um dieses Wechselspiel von Zentralisation und Regionalisation in die Kategorien einer systematischen Betrachtung allgemeiner Phänomene im Spannungsfeld zwischen zentripetaler höher- komplexer (hierarchischer) Organisation und den zentrifugalen Kräften, die zur Dezentralisation und regionaler Autonomie führen, auszuweiten. In der bisherigen Geschichts- und Kulturwissenschaft wurde dieses Spiel im Wesentlichen nur als dualistisch, zwischen Hierarchie und Anarchie gesehen, die Möglichkeiten der Heterarchie blieben durch die dualistische aristotelische Denkweise (2-wertige Logik) im Wesentlichen verborgen. Demnach ist die Thematik der Dreigliederung eine Anwendung mehrwertiger Logiken auf die Gesellschaftstheorie, ein dringend noch zu erstellendes Fundament der menschlichen logischen Denkstrukturen[54]. Ihre gesellschaftliche Anwendung ist demnach ein Problem der erfolgreichen Installation einer Heterarchie. Mit diesem Ansatz ist nicht nur das bisherige konventionelle Schema gegeben, biologisch- darwinistische Erklärungsmodelle (deren Muster, wie bekannt aus dem Untergrund von Spencers Sozialdarwinismus stammen) auf soziale Strukturen zu übertragen, sondern umgekehrt auch eine neue Sicht auf proto-soziale Strukturen in nicht-menschlichen Substrata zu eröffnen. Es entbindet damit die Geschichtswissenschaft von ihrer bisherigen Fixierung auf "große Männer", die die Geschichte bewegen, und eröffnet die Sichtweise auf eine neue Darstellung der Republik unter der Berücksichtigung transpersonaler Dynamiken, die als essentiell kulturmorphologische Kräfte wirken und sich der menschlichen Aktoren lediglich bedienen. In den Arbeiten von Leslie A. White[55] und Jacques Neirynck[56] wurden die Technologie- , Energie- , Entropie- und Dissipationsaspekte dieser Thematik behandelt. Innis, Havelock und McLuhan behandelten die Kommunikations- und Informationsaspekte. In einer großartigen Gesamtschau wurde dieser Komplex dann von Lewis Mumford als "der Mythos der Maschine" beschrieben, nur hat er mit seiner Wortwahl des "Mythos" leider trotz seiner extrem genauen Detailbeschreibung die Chance vergeben, die von ihm beschriebenen Wirkmechanismen einer den Wissenschaftskriterien (etwa kybernetischer Richtung) genügenden sozialpathologischen Diagnostik zu unterziehen.

2. Die Energie- , Entropie- , Technologie- , und Informations- getriebene Dynamik der Menschheitszivilisationen

2.1. Die Konglomeration von Großreichen entlang der Material- und Informationsbahnen

Nach dieser energie- entropie- und informations- getriebenen Dynamik erfolgt die Konglomeration von Großreichen entlang der verfügbaren Material- und Informationsbahnen, die in den früheren Reichen die Wasserwege und Straßen waren. Das Römische Reich basierte auf dem zentralen Transport- und Informationsraum des Mittelmeeres, um sich von hier aus mit Straßen zur Peripherie hin auszudehnen, und brach dann zusammen, als die hiermit leicht erreichbaren verfügbaren Ressourcen ausgeblutet waren. Wie McLuhan (nach Innis) vermerkt, war der kommunikationstechnische breaking point erreicht, als die Lieferungen von Papyrus aus Ägypten ausblieben, und der Reichsverwaltung die kommunikations- / informationstechnische Basis entzogen war. Die europäischen Nationalstaaten sind eine Späterscheinung der nachfolgenden Zersplitterung und Feudalisierung der Nordhälfte des Römischen Reiches, während die Südhälfte in der islamischen Expansion diese Expansionsdynamik mit anderen Mitteln, und auf anderen Wegen, hauptsächlich über Land und durch Wüsten (Kamele, Reiterei) noch einmal 1000 Jahre weiter fortsetzte.

2.2. Zentralstruktur. Kontrollradius und Peripherie

Die maximale Größe des Kontrollradius einer Zentralstruktur zu ihrer Peripherie ist entscheidend von den Faktoren der Signallaufzeit und Reaktionsgeschwindigkeit abhängig, mit der die Zentrale auf Ereignisse an der Peripherie reagieren kann. Dieses allgemeine Gesetz von Signallaufzeit und Reaktionsgeschwindigkeit gilt für alle Organisationsformen, sozialer wie biologischer Art und ist die entscheidende Grenze für das Wachstum von Komplexen. Wie die heutige informationstechnologische Situation, ist die Menschheit heute technologisch schon über die Schwelle der Globalisation hinausgeschritten, die politisch sehr wohl noch die Form eines globalen Großreichs annehmen kann. Hierbei könnte uns der wieder erstarkende islamische Geist durchaus noch interessante Aspekte in Form eines globalen Djihads und Kalifats präsentieren. Der Islam erschien nämlich immer schon, anders als das Christentum, in der Doppelgestalt einer Religion und eines politischen Machtstruktursystems, und seine Schlagkraft entstand schon immer aus der unbedingten Unterwerfung (Islam) der Mitglieder unter den Zentralwillen. Die geistige Führerschaft des Kalifats wurde dabei immer post hoc einvernehmlich geregelt, dadurch, daß der, der den Sieg auf dem Schlachtfeld errungen hatte, definitionsgemäß in die Blutlinie der Nachfolgeschaft des Propheten eintrat, was damit seine spirituelle Legitimation versicherte.

2.3. Beispiele von zentripetalen und zentrifugalen Phasen in der Geschichte

@:ZENTRIPETAL_FUGAL
Die sich immer wiederholende Folge von zentripetalen und zentrifugalen Phasen in der Menschheitsgeschichte enthüllt in ihrem Detail schicksalhafte Wendungen, die "auf Messers Schneide" nur von ganz bestimmten kommunikations-, material- und waffentechnologischen Umständen einer Epoche abhingen, die zu einer anderen Entwicklungsstufe keinerlei Belang gehabt hätten. So hing der Fortbestand des heute mächtigsten kontinentalen Großreichs der Menschheit, der USA, nur von dem historischen Zufall ab, daß gerade zu dem Augenblick, als die Zerfallsdynamik einsetzte (der Sezessionskrieg), die Eisenbahn genau die notwendige Infrastruktur zur Mobilisierung des ersten industriellen Großkriegs[57] der Menschheit lieferte (45 Jahre vor dem 1. Weltkrieg!), mit dem die Nordstaaten dann die Einheit der Union bewahrten. Eben derselbe Faktor hatte praktisch zur selben Zeit, 1870, den leider für unsere europäische Regionalgeschichte so fatalen Erfolg der Gründung des preußisch-deutschen Reiches verursacht, da der preußisch-französische Krieg hauptsächlich durch die peinlich genaue Abstimmung der Fahrpläne der Truppentransportzüge durch die leider nie ausreichend gewürdigten Helden der preußischen Reichsbahn gewonnen wurde. Ehre wem Ehre gebührt! Vermittels dieser stählernen Stränge quer über die Kontinente, der stählernen Dampfschiffahrtsrouten, und der Telegrafen, war auch die geopolitische Machtbasis für die Eroberung des ganzen Planeten durch die Koalition der europäischen Kolonialisten gegeben. Seit genau dieser Zeit, also dem letzten Drittel des 19. Jh., können wir von einer vollendeten Globalisierung sprechen. Seitdem befindet sich aber die Weltgeschichte in einer Instabilitätsphase, da die globale politische Spitze seitdem entweder im Krieg steht (1. u. 2. Weltkrieg), oder einer instabilen Patt-Koalition (Mächtepolitik vor dem 1. WK, Kalter Krieg), und von einem ziemlich handlungsunfähigen Plaudergremium (Völkerbund, UN) verwaltet wird. Nach der Spencer'schen Analyse sind solche Instabilitätspositionen nicht dauerhaft, und wirken als Attraktoren zur Formierung neuer Großreich-Machtkomplexe.
In der weiteren europäischen Geschichte ist die Entstehung der (ersten mitteleuropäischen Demokratie der) Schweiz ebenfalls in einen historisch schicksalshaften Moment gefallen, bevor die allgemeine Einführung von Feuerwaffen das Kriegsgeschäft zu einer Großkapitals-Angelegenheit gemacht hatten, die nur noch von Nationalstaaten und ihren großkapitalistischen Ausrüstern (so zuerst die Fuggers) geführt werden konnte. Die Schweizer hatten mit ihrer Infanterie im entscheidenden Moment eine taktische Überlegenheit gegen die Panzerreiter gewonnen, und konnten sich die Freiheit ihres Staates erkämpfen, und mit dem Verleih ihrer Legionäre dann selber anfangen, den Grundstock für ihr Großkapital zu legen. Mit einer analogen schweren Infanterie-Taktik, den Hopliten, gewannen die Griechen auch ihre Unabhängigkeit gegen die Perser. Deren Reiter (die unsterblichen Zehntausend) hatten keine Steigbügel, was ihre Wirkunggegen die schwere Infanterie nutzlos machte. Ihre Pfeile waren gegen die schwergepanzerten Hopliten wirkungslos. Das war auch der Grund, warum die Römer sich ebenfalls lieber auf ihre Legionäre verließen und das Reiten den sowieso nicht so zuverlässigen Hilfstruppen überließen, die hauptsächlich dazu da waren, viel Staub aufzuwirbeln. Der Zusammenbruch der bronzezeitlichen Reiche war eine Folge der Achillesferse des allgemein verwendeten strategischen Materials, der Bronze, die essentiell für die Bewaffnung der Elitesoldaten war. (Achill als der symptomatische Superheros dieses Zeitalters). Die Metalle mußten von weit her über lange Handelswege beschafft werden, und eine längere Unterbrechung ihres Nachschubs zog meist den Zusammenbruch der Zentralmacht nach sich. Da man mit dem Eisen dann ein in lokalen Lagerstätten verfügbares Material gefunden hatte, das waffentechnisch die Bronze bald überflügelte, erlebte das östliche Mittelmeer ab ca. -1400 einen jähen Ruck in Richtung Dezentralisation, die Mykenische Palastkultur ging unter, wahrscheinlich unter den Fackeln von aufständischer Landbevölkerung, der es nicht mehr paßte, Tribute an die hohen Herren in den Burgen zu zahlen. (Siehe Zangger). Die relative Isolation und Rückständigkeit der Griechen bis zu ihrem goldenen perikleischen Zeitalter um -400 war demnach eine Spätfolge einer entscheidenden zentrifugalen Wende und der Rückwendung auf die multizentrisch- regionale Form der Polis.

3. Geschichtsmorphologische Bifurkationspunkte der Weltentwicklung

Nach der geschichtsmorphologischen chaos-dynamischen Theorie, wie sei etwa von Ralph Abraham dargestellt wird, ist das augenblickliche zentripetale / zentrifugale politische Spannungsfeld der Erdzivilisation von Hierarchie und Anarchie auf einem Bifurkationspunkt mit folgenden worst-case Szenarios: 1) Eines globalen Großreiches fundamentalistischer islamistischer oder techno-kapitalistisch- sozialdarwinistischer Prägung und 2) der Balkanisierung in ein Globalchaos von Stammesfehden[58] um unverseuchten Lebensraum, um die essentiellen menschlichen Grundbedürfnisse, wie sauberes Wasser[59] und Ackerland, die mit allen verfügbaren Waffen ausgetragen werden, von Tretminen, zu chemischen Kampfstoffen bis zu Atom-Restbeständen der Sowjetarmee. Das letztere Szenario ist wohl das wahrscheinlichere, und die in den letzten 50 Jahren weltweit stattfindenden Regionalkriege sind der Beweis dafür, daß der Prozess schon lange im Gang ist. Diese Beispiele zeigen, daß die Regionalisierung "an sich" keine Alternative zur Großreichsbildung bietet, sonderen nach allen Erfahrungen der Geschichte fast immer ins feudalistisch- tribalistische Chaos einer meistens auf die unschönste Weise in ewig perpetuierte Lokalmetzeleien zersplitterten Stammes-"kultur" geführt hat[60]. Wie wir ebenfalls aus der Geschichte (seit Ibn Chaldun) wissen, war die Bildung der Großreiche nicht so sehr auf die brutale Gewalt von Eroberercliquen zurückzuführen, sondern auf die kühle Kalkulation der seßhaften Bürger in den Städten, die sich sehr wohl ausrechnen konnten, unter welcher politischen Form sie wohl die besten Überlebenschancen hatten.

4. Das Skylla-und-Charybdis-Dilemma der heutigen Welt

Unsere heutige Welt steht direkt vor dem Abgrund des totalen Ökozusammenbruchs und Auslöschung der Menschheitszivilisationen als Folge der autokatalytischen Dynamik einer entfesselten Kapitalismus-Technologie-Maschine[61], deren Genese wohl am eindringlichsten von Mumford beschrieben worden ist. Wie diese Überlegungen erkennen lassen, ist die Problematik des globalen Spannungsfeldes von Hierarchie und Anarchie eine Entscheidungsfrage, in der es sehr viele schlechte Lösungen, und nur wenig gute gibt. Die Grundstruktur dieses Problems ist uns seit Odysseus als das Skylla-und-Charybdis-Dilemma bekannt. Kommen wir einem der Pole zu nahe, werden wir scheitern. Die heutige Situation ist leider nur durch eine wesentlich kompliziertere Situation gekennzeichnet. Da es sich hierbei um Attraktoren handelt, merken wir erst, daß wir einem zu nahe gekommen sind, wenn die Umkehr schon zu spät ist. Zwar bestehen Ansätze zur Transnationalisierung, wie die EU, aber der ist es nicht im geringsten gelungen, den Nationalstaaten ein Stückchen ihrer Souveränität abzuringen, und wo, dann in einem hautpsächlich zum Selbstzweck ausgearteten Verwaltungswahnsinn, mit Bürokratiebarrikaden, die jede örtliche Initiative in einem Sumpf von nationalen und EU-Vorschriften ersticken, so daß nur noch Großkonzerne mit ganzen Stäben von Verwaltungsjuristen ihre Pfade in diesen Paragraphendschungel schlagen können, die sie dann natürlich wie die feudalen Raubritter guter alter Zeiten wie ihr Erbterritorium verteidigen. All dies wirkt sich leider kaum fördernd auf die Regeneration der innovativen Potentiale an der Basis aus. Der geschichtlich notwendige Gegenpol zum Abbau der Machtstrukturen des Nationalstaats muß aus den Regionen kommen. Wenn keine aktive, politische Kraft auf dieser Basis entsteht, wird die EU weiterhin eine nationalstaatliche Farce bleiben. In der Logik der Kontrollsysteme gesehen, stellt sind hier die Frage nach der erfolgreichen Installation eines Heterarchischen Systems. Dies ist, wie ich in meiner Dissertation anführe, in ihrem Grunde eine Frage der mehrwertigen (transaristotelischen) Logik sozialer Systeme. Wird sie im Rahmen der zweiwertigen Logik versucht, ist ihr Verhalten immer chaotisch und unvorhersehbar, genau wie das gravitationale Dreikörperproblem, das von Radermacher in "Evolution und Intelligenz" erwähnt wird. Nichtsdestotrotz hat es in der Geschichte schon soziale Experimente einer Installation der Heterarchie gegeben, was wir uns nun im Rückblick auf 2 Großphasen von je etwa 600 Jahren in der europäischen Geschichte ansehen wollen.

5. Rückbesinnung auf das Mittelalter: Die große Zeit der Regionen in Europa

Dazu können wir eine Rückbesinnung auf den Aufstieg und Niedergang der freien Reichsstädte Deutschlands vornehmen, die einst im hohen Mittelalter unabhängig und frei von der Kreativität und Betriebsamkeit ihrer Bürger prosperierten. Dieser Aufstieg und Niedergang der Idee der freien deutschen Reichsstädte verzeichnet den Verlauf des eines der beiden überhaupt gemachten und halbwegs erfolgreichen Experimente regional-autonomer politischer Heterarchie im nachantiken Europa. Das andere Experiment waren die italienischen Stadtrepubliken, hier vor allem ihr erfolgreichster Repräsentant, Venedig. Ihr Verlauf vollzog sich in zwei Phasen von jeweils etwa 600 Jahren nach dem Untergang des Römischen Reiches. Im Hochmittelalter hatte das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" eine Struktur schwacher zentraler Autorität geschaffen, die, was besonders wichtig war, kein festes regionales Zentrum hatte. Der Kaiser mußte, permanent auf Wanderschaft, seinen Hof immer in einer neuen Stadt aufschlagen. Was dem Kaiser zur Beschwerde gereichte, war die Esszenz der Lebensblüte einer ganzen europäischen Kulturepoche, deren Segnungen leider zu Unrecht als rückständig in Vergessenheit geraten sind. Das Wanderzentrum versicherte, trotz Bestehens eines nominellen Zentrums in Gestalt des Kaisers, daß sich keine allzu dauerhaften Hierarchiestrukturen an einem Ort festsetzen konnten, wie dann später als extremsten Gegenbeispiel, in Versailles geschehen. Leider ist ein Heterarchisches System als rein empirische Konstruktion ohne logisches Fundament extrem instabil, und neigt immer zum Abgleiten in Anarchie oder Hierarchie. So war auch das mittelalterliche Modell mit einer instabilen Machtsituation verbunden, in die zuerst die Römische Kirche, und später die aufwachsenden zentralistischen Strukturen der anderen europäischen Nationen, vor allem der Imperialismus Frankreichs, ihre Breschen schlugen, bis das deutsche Modell dann im Blutbad des 30jährigen Krieges sein furioses Ende nahm, und das französische Nationalmodell des hierarchischen Zentralstaates in Form des Roi Soleil die Oberherrschaft auf dem Kontinent antrat. Dieses Sonnenzentrierte Modell war der direkte logische Nachkomme der Sonnenkönigschaft Ägyptens, und trat nicht ohne Grund zeitgleich mit der sonnenzentrierten Kosmologie von Kopernikus, Galileo und Newton, seinen Siegeszug um die Erde an. Analog ließe sich der Aufstieg und Untergang der italienischen Städte nachverfolgen, deren erfolgreichster Repräsentant, Venedig, immerhin mit einer Lebensdauer von mehr als 1100 Jahren damit die langlebigste europäische Staatstruktur war, einige Jahre länger als das Oströmische Reich und das Imperium Romanum, sowohl in seiner republikanischen wie imperialen Phase. Venedig hatte die bisher erfolgreichste empirische Lösung einer Heterarchiestruktur installiert, die auf der Pentarchie der hohen Räte der Stadt beruhte. Diese Struktur genauer zu untersuchen, sprengt allerdings den Rahmen dieser Übersicht. Anzumerken ist, daß erstmalig (und einmalig) in der europäischen Denkgeschichte nach Aristoteles dem Faktor der Dynamis in der Staatsstruktur explizit Rechnung getragen wurde. (Wie Kornwachs einmal in einem Seminar in Ulm bemerkte, stellt die Dynamis des Aristoteles das am besten gehütete Geheimnis der scholastischen Verdeckung der wesentlichen Inhalte der Lehre des Aristoteles dar). Venedig wurde ebenfalls vom hierarchischen Imperialismus liquidiert, diesmal von Napoleon. Um noch eine wesentliche Weltkultur am Rande zu erwähnen: Die Arbeiten von Alfred Schinz beschäftigen sich mit Schlüsselaspekten des Chinesischen Reiches, welches das überhaupt größte und langlebigste kontinentale Großreich der Menschheitsgeschichte ist. Seine Stabilität hing nicht nur von dem allseits bekannten zentralistischen Kaiserhof ab, sonderen auch von einer feinen Balance der regionalen Autonomie. China war immer am reichsten und kulturell führend, wenn der Kaiserhof am wenigsten in die Geschäfte der Provinzen hereinredete. Leider waren solche Phasen deshalb nie von Dauer, weil dann immer Invasoren von außen das Land überfielen, und dem Frieden ein Ende machten, so daß man dann notgedrungen wieder an die Installation eines unvermeidlich oppressiven und erwürgenden Zentralstaats gehen mußte.

6. Die Arbeiten Leopold Kohrs

@:LEOPOLD_KOHR
Die Arbeiten Leopold Kohrs über die menschengerechte Stadt, sowie von Ivan Illich, bieten uns reichlich Material über die Architekturen der "Conviviality", die das essentielle lokale und regionale Substratum für die oben beschriebene politische Struktur des Heiligen Römischen Reichs waren. Die dezentrale politische Global-organisation reflektierte sich in einer regional optimalen Infrastruktur, und die damaligen Städte waren in ihrer Struktur und Architektur direkt auf diesen Zweck hin ausgerichtet. Leopold Kohr hat in seinen Arbeiten die Forschung von menschenorientierten Kommunikationsformen und Wirtschaftsräumen in unserem Jahrhundert beispielhaft wieder aufgegriffen. Im Rahmen der Wiederentdeckung der Regionalisierung bietet die Kommunikations-Infrastruktur einer wohlhabenden, weitgehend autonomen Wirtschaftsregion des ausgehenden Mittelalters, den Anlaß, dies mit den Anforderungen und Möglichkeiten der heutigen sozio-technologischen Verhältnisse in Bezug setzen, und aufbauend auf die alte Tradition, ein soziales Kommunikationsmodell einer nach europäischem Subsidiaritätsprinzip gestalteten regionalen Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft zu formulieren. Das hohe Mittelalter des heiligen Römischen Reiches deutscher Nation hatte, auch bedingt durch die sehr günstigen Klimaverhältnisse, mit der Unabhängigkeit der Reichsstädte und der Blüte des Handwerkertums einen Höhepunkt des Wohlstands der mittelständischen Kultur zu verzeichen. Ein wesentlicher Faktor des damaligen Wohlstands war die Rolle der Stadt als Kommunikationszentrum und Informationsmarkt. Dies nahm in den folgenden Jahrhunderten langsam aber unaufhaltsam seinen Niedergang. Wesentlicher Faktor dabei war die Zerschlagung der Gilden, ein Werk der Zentralherrscher und ihrer Großkapitalisten, etwa der Fugger, denen die strikten Regulationen ein Hindernis in ihrer unbegrenzten Kapitalverwertung waren. Der Bergbau, als die erste im großkapitalistischen Maßstab betriebene Unternehmung war hierbei der Schlüsselfaktor, weil das auf diese Weise gewonne Metall dazu diente, die Kanonen zu gießen, mit denen die Wälle der Städte zerschossen werden konnten.

6.1. Leopold Kohr und die wesentlichen Faktoren einer lebenswerten Kulturumwelt (Conviviality)

@:CONVIVIALITY
Ich liste einige der kommunikativen Infrastrukturen, die für eine lebenswerte Kulturumwelt (Conviviality) im Sinne Kohrs notwendig sind: Märkte, Treffpunkte, Orte der Verlangsamung. Wo Verlangsamung auftritt, entsteht menschlicher Sozialkontakt. Dieser ist die Esszenz von Conviviality, dem Summum Bonum des Gemeinschaftslebens nach Aristoteles. Selbsthilfe, persönliche und virtuelle Nachbarschaften. Lokale Bedarfsdeckung in Doppelfunktion als menschlicher Sozialkontakt. Kulturtherapeutische Aspekte, Regeneration von Stadtfunktionen, die im Zuge des automobilgerechten Städtebaus verlorengingen. Da besonders die Thematik des verloren gegangenen kulturellen Rhythmus. Dieses Thema ist in einer so fatalen Weise in Vergessenheit geraten, daß es praktisch keine Literatur darüber gibt. (Ausnahmen: K. Bücher: "Arbeit und Rhythmus", Edward T. Hall). Seine Relevanz ist dafür proprtional um so höher. Die Hauptursache vegetativer Fehlfunktionen heutiger Zivilisationsbewohner, und damit der meisten Zivilisationskrankheiten, ist die Unterbrechung des kommunalen Rhythmus durch Unterbrechung der normalen menschlichen Kommunikationskanäle. Vertrauensverlust, die Vorherrschaft formalisierter Mittel, wie Polizei, Rechtanwälte, Vorschriften, Bestimmungen, etc, alle Pathologiesymptome der überbürokratisierten Gesellschaft sind damit verbunden.

7. Die Arbeit von Alfred Schinz

@:A_SCHINZ
Hier soll die Arbeit von Alfred Schinz (1919-1998) gewürdigt werden. Ich arbeitete mehrere Jahre eng mit ihm zusammen, und daraus ist ein Zusammenfließen unserer Vorstellungen und Intentionen entstanden, so daß ich hier auch sein Lebenswerk im Rahmen meiner Möglichkeiten fortführe. Alfred Schinz starb inmitten der Arbeitder Zusammenfassung und Aufbereitung der Ergebnisse seiner 50-jährigen Lebensarbeit als Stadt- und Lebensraumplaner im In- und Ausland. Sein Hauptthema war die long-time Sustainability menschlicher Lebensformen. In mehreren Aufsätzen kontrastiert er z.B. die westlichen Raubbau- und Expansions-Kulturen nach mesopotamischen Muster (siehe: Garten Eden) mit dem seit 10.000 Jahren stabilen System der chinesischen Ackerbau-Kultur. Das China der Song-Dynastie stellte damals die höchste technologische und kulturelle Stufe der Zivilisationsentwicklung dar. Neben seiner persönlichen Erfahrung in China bezieht er sich wesentlich auf Needham (Science and civilization in China). Sein Werk "The Magic Square" (1997) beschreibt dies vor allem in Bezug auf die Glaubens- Kosmologie- Maß- und Techniksysteme, die Wertvorstellungen einer Jahrtausende alten Kultur seßhafter Menschen, des bäuerlichen China.

7.1. Nachhaltige Wirtschaftsformen in hochqualitativer Handwerks- und Industrietradition

Alfred Schinz war im Berliner Exportviertel aufgewachsen, wo sein Vater als Patentanwalt die Patente der ansässigen Kleinfirmen bearbeitete. Das Berliner Exportviertel genoß in aller Welt eine Berühmtheit als Sitz vieler äußerst leistungsfähiger Kleinfirmen, die ihre Spezialerzeugnisse auf den Märkten der Welt verkauften, wie die "Berliner Fliegenfalle", die in den Zoos für das Lebendfutter der Terrrarien und Aquarien sorgte, oder das "Berliner Schaukelpferd", das von einem einzigen Handwerker hergestellt wurde, naturecht modelliert und mit Fohlenfell bespannt, und in New York Höchstpreise erzielte. Nach der Zerstörung im 2. Weltkrieg hatte Alfred Schinz eine Bestandsaufnahme der übriggebliebenen Substanz gemacht, und eine Studie angefertigt, wie das Viertel wieder belebt werden könnte. Einer der wirtschaftlichen Hauptfaktoren des Viertels ließ sich nicht wieder herstellen: Gewerberaummieten von 1 DM pro Quadratmeter. Das Berliner Exportviertel war eines von mehreren Zentren im Vorkriegsdeutschland, in denen eine enge hochqualitative Zusammenarbeit von vielen kleinen Betrieben in einer Atmosphäre reger Kommunikation stattfand, wie sie durch die Infrastruktur der Stadt (die Kneipen um die Ecke) ermöglicht war (siehe dazu auch Leopold Kohr). Leider sind diese Kommunikationsstrukturen durch die Nachkriegs-Umwandlung der Städte zerstört worden.

8. Die Ansätze von Ferdinand Steinbeis

@:F_STEINBEIS
Auch in Württemberg hatte es eine solche Infrastruktur gegeben, die maßgeblich durch Ferdinand Steinbeis geschaffen worden war, und mit der Qualität und dem Erfindungsgeist des Handwerks eine Industriebasis geschaffen hatte, die sich schnell ihre bis heute haltende Führungsstellung in der Welt erarbeitet hatte. Das Industriemodell Steinbeis setzte vor allem den menschlichen Faktor der Qualität, die nur durch eine gesunde Lebensumwelt gewährleistet werden konnte, gegen den ungehemmten Ausbeutungs- Industriekapitalismus besonders britischer Prägung (Manchester-Kaptialismus), der letztlich nur minderwertige Ware liefern konnte, da die Menschen zu reinen Robotern degradiert worden waren. Diese Lehre aus der Geschichte wird heute leider angesichts der Überschwemmung mit Produkten aus Billiglohnländern zu selten erinnert. Man kann nicht eine Stellung als Welt-Qualitätsführer halten, wenn man sein Produktionssystem auf Entwicklungsland-Status zurückfährt. Das Beispiel Steinbeis zeigt, daß auch eine hochentwickelte Industrie ein menschliches Maß haben kann, und menschliche Qualitäten hervorbringen kann.
Das Wirken von Ferdinand Steinbeis, der in Ulm begraben ist, gibt uns einen Blick auf eine besonders kritische Epoche aus der an verpassten Gelegenheiten so reichen deutschen Geschichte. Dies war die Zeit, als (nach Leopold Kohr), der deutsche Zollverein noch eine mögliche politische Alternative zu dem preußischen Militär-Monsterstaat war, dessen brutale Eroberungs- und Machtpolitik die Konvulsionen der deutschen Geschichte des 20 Jh. verursachte. Das Land Württemberg war ein autonomer Kleinstaat, im Sinne der Theorie von Leopold Kohr eine optimale, dem Menschen angepaßte wirtschaftliche und politische Einheit. Unter der aufgeklärten Führung eines Nachfolgers von König Wilhelm I. wäre ein autonomes Württemberg heute sehr gut als subsidiäre Region im Sinne von Leopold Kohr in eine europäische Zoll- und Wirtschaftsunion einzubeziehen.


[48] u.a. in meiner Schrift: Morphologies of Cultural Memory.
[49] Ich glaube, das Zitat ist von Santayana. Mein kleiner Zusatz ist, daß der nächste Versuch der Wiederholung von den Abkömmlingen der Termiten und Küchenschaben zu leisten sein wird.

[50] z.B.: Heise Verlag: Telepolis Special
(URL) http://www.heise.de/tp/deutsch/special/default.html
-> Memetik: (URL) http://www.heise.de/tp/deutsch/special/mem/default.html
-> Globales Gehirn (URL) http://www.heise.de/tp/deutsch/special/glob/default.html
The Lucifer Principle: (URL) http://www.bookworld.com/lucifer/
(URL) http://www.bookworld.com/lucifer/links.html
Journal of Memetics - Evolutionary Models of Information Transmission :
(URL) http://www.cpm.mmu.ac.uk/jom-emit/1997/vol1/index.html
The Lycaeum : (URL) http://www.lycaeum.org/

(URL) http://www.lycaeum.org/~sputnik/Memetics/index.html
[51] "Ein neuer Kampf um Troja", Knaur 1994.
[52] O'Connel, Robert: Of Arms and Men, Oxford Uni Press, 1989
[53] Dudley, Leonard M.: The Word and the Sword, Blackwell, Cambridge, Mass. 1991

[54] Siehe dazu: Goppold, Andreas: Information and Third Order Ontology, FIS '96, Vienna, to appear in BioSystems, 1998

[55] The science of culture, The concept of cultural systems
[56] Neirynck, Jacques: Der göttliche Ingenieur, Expert, Renningen 1994
[57] Hier wurden die ersten "Geheimwaffen" des Technologiekriegs (wenn auch ohne großen Erfolg) erprobt: U-Boote, Panzerschiffe, (Prototypen der) Maschinengewehre, wie Gatling-Guns, etc. Das alles wurde dann erst so richtig im 1.WK oder sogar erst im 2. WK verfeinert. Der preußisch-französische Krieg war dagegen noch recht konventionell, wenn man von dem Faktor der Eisenbahn absieht. So z.B. waren die Franzosen mit einem besseren (schneller schießenden) Gewehr ausgerüstet, was die Preußen aber nicht am Sieg hinderte.
[58] Siehe dazu auch die im WS 1996/1997 stattgefundene Veranstaltung "Ethnic violence" der Anthropologie, Uni Ulm.
[59] Siehe die Euphrat-Tigris Staudammpolitik der Türkei.
[60] Auch hier ist Bosnien nur die hoffnungsvolle Wiederaufnahme eines ewigen Menschheitsthemas, das die Welt seit 'zig Jahrtausenden im Bann hält. Siehe auch Herbert Spencer, Leo Frobenius, "Weltgeschichte des Krieges", und andere anthropologische Literatur zur unvermeidlichen Dynamik der Stammeskriege.
[61] um den Begriff von Mumford zu verwenden.


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