
Der Multimedia-Diskurs, Nachhaltiges Wirtschaften und das Gute Leben
von:
Andreas Goppold, Postf. 2060, D-89010 Ulm
Tel. ++49 +731 921 6931 / Fax: +731 501-929 (attn: Goppold)
email: mm-diskurs@uni-ulm.de
Ich möchte hier mein Projekt "Multimedia-Diskurs" (MM-Diskurs) vorstellen,
das, so hoffe ich, zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Hefts auf dem
Telebus-Server der Stadt Ulm zugänglich sein wird. Zuerst meinen
herzlichsten Dank an den unw, insb. an Helge Majer, Heinz-Peter Lahaye und
Manfred Helzle, durch deren freundliche Unterstützung ich die
Möglichkeit erhalten habe, meine Arbeit in diesem Forum zu
präsentieren. Wie der Name andeutet, ist der MM-Diskurs ein Ansatz, die
noch unerforschten Möglichkeiten der neuen Telematik- (umständehalber
heute noch WWW-) Technologien zur Führung gesellschaftlicher Diskurse und
zur Bildung zukünftiger Sozialstrukturen zu erproben. Daher ist das
Projekt in starkem Maße experimentell, und es erscheint umso schwieriger,
genau diese Möglichkeiten in der alten Schriftform eines
Zeitschriftenartikels darstellen zu wollen.
Um eine thematische Überleitung zu den Zielen des unw zu erhalten,
möchte ich meine Darstellung auf die Themen "Nachhaltiges Wirtschaften"
und das "Gute Leben" zentrieren, sowie einige in diesem Zusammenhang wichtige
Aspekte aus dem Vortrag von Robert Spaemann anläßlich der IFG-Tagung
"Gestaltung des Unsichtbaren" vom 18. 9. 1998 im Stadthaus aufgreifen. Das
Thema des "Guten Lebens" ist uns ja noch von der unw-Veranstaltung vom 7. Mai
1998 in Erinnerung. Ich möchte natürlich auch angesichts des
politischen Umschwungs bei den letzten Wahlen die Hoffnung auf einen sehr
nötigen grundsätzlichen Kurswechsel in unserer Gesellschaft
äußern.
Spaemann spielte uns das Leit-Thema der IFG-Tagung: "Gestaltung des
Unsichtbaren" auf tiefgründige philosophische Weise zurück, indem er
den Augenmerk auf die Zentralstellung des "Unsichtbaren" in unserem Leben
richtete. Wie er am Sehen deutlich machte, ist dieses, das Sehen "an sich",
notwendigerweise unsichtbar, und damit jeglicher Behandlung durch die
materialistische Naturwissenschaft unzugänglich. Diese Problematik ist
prinzipiell, oder a priori, wie man in der Philosophie sagt. Als wesentlichen
"unsichtbaren" Zentralfaktor in der Fundierung und Gestaltung der Kultur nannte
Spaemann den alten Aristotelischen Grundbegriff eines Guten Lebens, der
eu-daimonia. In Bezug auf die Nachhaltigkeit können wir das so
verstehen, daß es nötig ist, einen Lebenswert, und einen Lebensstil
in unserer Zivilisation wiederzufinden, der wesentlich an diese
eu-daimonia anknüpft, wenn die nachhaltige Zukunft der Menschheit
nicht durch eine grün eingefärbte Öko-Quoten-Diktatur erzwungen
werden soll. Eine solche Zukunft können wir uns wahrscheinlich auch nicht
als erstrebenswerte Alternative zu der heutigen materialistischen Lebensweise
vorstellen, bei der uns die Werbung ständig einhämmert, daß das
"Gute Leben" nach dem Besitz von Prestige-fördernden Markenprodukten, dem
neuesten und leistungsfähigsten Computermodell, PS-starken Autos,
Vorstadtvillen, Schmuck, Pelzmänteln, häufigen Fernreisen, etc. etc.,
gemessen werde muß.
In Übereinstimmung mit dem Thema der IFG sehe ich die Telematik als eine
Möglichkeit, die neuen Technologien nutzbringend einzusetzen, aber umso
nachdrücklicher möchte ich mit Spaemann betonen, daß alle neue
Technologie ohne die essentielle unsichtbare Grundlage der eu-daimonia
nur noch mehr von dem Schlimmeren erzeugen wird, was F.-J. Radermacher auf
seinem IFG-Vortrag als "Rebound-Effekt" bezeichnete. In der Bibel kennt man das
auch unter dem Stichwort: "Den Teufel mit Beelzebub austreiben". Eine generelle
Fassung des "Rebound-Effekts" ist die Autokatalysedynamik der
Zivilisationsprpzesse. Dieses Phänomen wurde schon von Schopenhauer
und Nietzsche auf philosophische Weise in der Thematik: "Welt als Wille und
Vorstellung", und "Wille zur Macht" dargestellt, und dann besonders von Herbert
Spencer behandelt, sowie in heutiger Zeit durch die Forschungen der
Kulturtheoretiker Howard Bloom,
Jared Diamond,
Jacques Neirynck
und Heiner Mühlmann bekannt gemacht. Diese Arbeiten zeigen eine
naturgesetzhafte Dynamik der heutigen industriellen Wirtschafts- und
Gesellschaftsformen, die zu überwinden eine sehr tiefgehende
Ursachenforschung erfordert. Die Computerindustrie ist in dieser Dynamik ein
Schlüsselfaktor, denn alle Wirtschaftsprozesse werden tendenziell durch
Computerisierung effizienter gemacht und beschleunigt. Daher steht die
Forderung zur Nachhaltigkeit im diametralen Gegensatz zu fundamentalen
Strukturprinzipien dieser Industrie. So ist allseits bekannt, daß die
Upgrade-Politik der Software-Hersteller jährlich Hunderte von Millionen
Nutzer geradezu zwingt, ihre jetzige, an sich voll funktionsfähige Technik
auszumustern, um mit den neuesten Releases Schritt zu halten. Die fallenden
Preise für mehr Computerleistung bedeuten ja nicht, daß auch die
Öko-Bilanz besser wird, denn gerade die
Höchst-Dichte-Siliziumtechnologie verwendet sehr schmutzige chemische
Prozesse. Wenn man hier fragt, wieso die Hauptnutznießer der
Software-Upgrades eigentlich die Hardware-Hersteller sind, so stellt man
schnell fest, daß ja beide, Software- wie Hardware-Hersteller in den
Händen derselben Venture-Capital Konsortien sind, und daß also
durchaus eine Koordination beider Industriezweige auf diesem Wege möglich
ist.
Für eine Verbesserung der Bürger-Partizipation und des demokratischen
Diskurses mit Hilfe von Telematik stellt die technische Infrastruktur in Form
von MIPS und BAUD nur einen Teil der Erfordernisse dar. Eine Hauptaufgabe
besteht in der kulturellen Integration und Adaptation der technischen Mittel
durch eine lokale Technologie- / Kommunal-IuK-Struktur, also einer
technologischen Subsidiarität. Wie bei den oben genannten
Erscheinungen stehen aber die Konzentrations- und Monopol-Tendenzen der
Industrie einer solchen lokalen Adaptation diametral entgegen und es wird eine
Zukunftsaufgabe der Politik und der Legislation sein, hierfür die
entsprechenden Rahmenbedingungen auch gegen den Druck der Industrie
durchzusetzen. Hauptproblematik der politischen Willensbildung ist aber die
hinter technischen Argumenten verkleidete (macht-) politische Weichenstellung,
deren Hinter- und Untergründe von den technisch leider nicht bewanderten
politischen Entscheidungsträgern kaum hinterfragt werden können.
Besondere Beachtung müßte weiterhin die soziale und ökonomische
Ausgewogenheit des Zugangs zu den Telematik-Infrastruktur-Ressourcen finden.
Die von der Industrie bevorzugte Lösung in Form eines
(überdimensionierten, für den Normalbürger kaum bedienbaren) PC
in jedem Hause dient anscheinend eher den Industrie-Interessen, als den
Bedürfnissen der Basis. Hauptproblemfaktor der Basis ist aber nicht die
Hardware, sondern die Expertise der Nutzung. So besteht meist ein ungeheures
Mißverhältnis zwischen installierten Funktionen eines PC und den
tatsächlich (aufgrund von mangelndem Wissen, Einarbeitungszeit, Spieltrieb
etc.) auch genutzten. Dies resultiert z.B. in enormen brachliegenden
Kapazitäten von zwar bezahltem, aber nie genutzten Plattenspeicher auf
Hunderten von Millionen PC's weltweit. Das Internet bietet zwar eine
Möglichkeit des besseren Ressourcen-Sharing, hier steht aber in
Deutschland der deutlich höhere Telekommunikations-Kostenfaktor, sowie
langsame Verbindungen, verglichen mit den USA, im Wege.
Im Zuge der WWW-Recherchen des Projekts wurden mehrere hundert Megabytes Texte
zum Allgemeinthema "Sustainable Future" lokal archiviert. Aufgrund der oben
erwähnten Telekommunikations-Problematik in Deutschland erscheint es
empfehlenswert, lokale Zwischenspeicher in Form von themenzentrierten "added
value" aufbereiteten elektronischen Bibliotheken anzulegen, z.B. als CD, und
sie als Informationsressource für lokale Projekte zu nutzen.
Als technisches Ergebnis der Studie wurde eine WWW-kompatible Hypertext
Infrastruktur entwickelt, deren Hardware-Anforderungen sich im bewußten
Kontrapunkt zur gängigen Industriepolitik an einem Minimalstandard
orientieren, und zwar rückwärtscompatibel auch auf 3.-Welt-Hardware
(PC 386, Win-3) optimal lauffähig ist. Trotzdem sind damit komplexe und
tiefe WWW-Verzweigungstrukturen in einem Diskursraum darstellbar und für
die o.g. elektronische kommentierte Hypertext-Bibliothek nutzbar. Basisfunktion
hierfür ist WinWord, das unter Ausnutzung seiner wenig bekannten Struktur-
Editierungs- und -Navigations-Möglichkeiten auch für das
WWW-Environment eine Möglichkeit der HTML Strukturierung bietet, die
ähnlich, aber weit mächtiger als das Netscape Bookmark Schema ist,
und somit "das beste aus zwei Welten" verbindet. Aufgrund der Low-Technology
Ausrichtung kann hiermit eine "Enabling Technology" Basis-Infrastruktur
konzipiert werden, und für lokale Bedürfnisse adaptionsfähige
WWW-Informations-Ressourcen und Data Mining zur Verfügung gestellt werden.
Da das Daten Repository auf der Texthaltungs-Basis beruht, die mit den
WinWord-Strukturmöglichkeiten organisiert wird, und durch RTF-Filter zu
HTML konvertiert wird, erübrigt es die implementierte Lösung, den
Datenbestand der Einweg-Lösung spezialisierter HTML-Authoring Systeme
anzuvertrauen. Dies ist wegen der Rückschrittlichkeit des HTML-Standards
und der großen Probleme der Adaptation und Modifikation von Daten, die
einmal in diesem Format sind, zu empfehlen. So ist diese Lösung auch eine
kostengünstige Low-Budget Alternative zu den Datenbank-basierten
Lösungen. Insbesondere wird der Geschwindigkeitsvorteil ausgenutzt, den
die Win-3 Plattform gegenüber Win95/98 bietet, da letztere zum
komfortablen Arbeiten grundsätzlich immer die neuste, schnellste, und
teuerste (meist Intel-Pentium) PC-Plattform benötigen.