Logos
Nus, Nous
Ontologie
Materie
Makrokosmos, Mikrokosmos
Kraft - Aristoteles, Descartes, Leibniz, Kant
Kategorien
Kategorien - Platon, Aristoteles, Bacon, Hume
Kategorien - Kant
Kategorien - Schopenhauer, Cohen, Husserl
Kategorien - Fichte, Hegel, Schleiermacher
Kategorien - Trendelenburg, Lotze, Hartmann
Kategorien - Herbart, Spencer, Nietzsche
Melancholie
Raum und Zeit
Raum und Zeit - Raumvorstellungen
Raum und Zeit - Zeitvorstellungen
Raum und Zeit - Theorie
Max Weber: § 16. Macht und Herrschaft
Max Weber § 17. Politischer Verband, Hierokratischer Verband
Philosophische Materialien, Glossar
Logos
Friedrich Kirchner
Logos (gr. logos) heißt sowohl Gedanke, Denken als auch
Wort. Die jüdisch-platonische Philosophie (besonders Philon, 20 v. Chr. bis
45 n. Chr.) verstand darunter den von Ewigkeit her gedachten Gedanken Gottes von
sich selbst, an dem er als dem gegenständlichen Nicht-Ich das
Selbstbewußtsein seines Ichs hätte, der aus Gott herausgetreten und
wesentlich geworden sei, den von Ewigkeit gezeugten Sohn Gottes, den Abglanz der
göttlichen Vollkommenheit, den Schöpfer der Welt und das alle Menschen
zur Weisheit, Tugend und Wissenschaft leitende Wesen. Diese neuplatonische Idee
nahm dann das Johannesevangelium in sich auf: Christus ist das fleischgewordene
Wort Gottes, welches von Anfang an war, durch das die Welt geschaffen, ja das
selbst Gott ist. Denn der Ewige, Unerkennbare bedarf, menschlich gedacht, des
Wortes, um sich zu offenbaren, er muß sprechen, damit etwas geschehe,
nachdenken, um etwas zu erfinden. Und wie wir in unserer Persönlichkeit das
Denken hypostasieren, d.h. von uns selbst absondern und selbständig machen,
so dachte sich der Verfasser dieses Evangeliums auch Gott als Subjekt-Objekt.
Die Gedanken fanden ihre weitere Auslegung in folgenden Sätzen: Der Gedanke
ist Gottes Sohn, er ist Gott selbst, wenn auch nicht in seiner Totalität;
er ist teils in Gott verborgen (logos endiathetos), teils in der Schöpfung
sichtbar geworden (logos prophorikos); er hat alle Propheten begeistert und ist
zuletzt in Jesu Fleisch geworden. Das talmudische »Memra« (Wort), der
platonische Nous (Verstand), die apokryphische »Weisheit« sind
Analogien dieses Logos. Vgl. Duncker, Zur Gesch. d. christl. Logoslehre. 1848.
M. Heinze, Die Lehre vom Logos in der griech. Philos. 1872.
Quelle: www.textlog.de
Nus, Nous
Friedrich Kirchner
Nus, Nous (gr. nous = Verstand) heißt schon bei Homer
das Erkenntnisvermögen; von Parmenides und Demokritos wird er der Seele
(psychê) gleichgesetzt, von Platon und Aristoteles als edelster Teil
derselben gedacht. Platon versteht darunter die denkende Seele (logistikon), die
im Haupte ihren Sitz hat, Aristoteles den Teil der menschlichen Seele, den sie
vor den Tieren voraus hat. Die übrigen Teile der Seele sind nach ihm
vergänglich; der nous ist präexistierend und unsterblich. - In der
Geschichte der griechischen Metaphysik spielt der Nous eine wichtige Rolle:
Schon Xenophanes von Kolophon (ca. 500 v. Chr.) nahm eine objektive
göttliche Vernunft als Weltprinzip an. Ihm folgend, fand Anaxagoras
(500-428) des Sokrates Lehrer, die bewegende und gestaltende Kraft weder mit den
Hylozoisten in der Natur der Stoffe selbst, noch mit Empedokles in
unpersönlichen psychischen Mächten, sondern in einem weltordnenden
Geiste. Der Nous unterscheidet sich nach ihm von den materiellen Wesen durch
Einfachheit, Selbständigkeit, Wissen und Herrschaft über den Stoff.
Platon (427-347) definiert die weltbildende Vernunft als die schöpferische
Zweckmäßigkeit in der Welt, während er die
Notwendigkeitsursachen, welche nur mithelfen, als in der Materie begründet
ansetzt. (Vgl. Notwendigkeit.) Aristoteles (384-322) nennt den stofflosen Geist
direkt Gott, dessen Existenz er aus der Notwendigkeit eines ersten unbewegten
Bewegers beweist (vgl. Beweise für das Dasein Gottes). Als solcher
muß er reine Energie (purus actus), ewig, reine Form, ohne Materie, daher
auch ohne Vielheit und Teile, reines Denken (nous), das sich selbst denkt, sein.
Er ist also Selbstbewußtsein (noêsis noêseôs). Er
bewegt, ohne zu bilden und zu handeln, selber unbewegt, als das Gute und der
Zweck, dem alles zustrebt, wie der Liebende dem Geliebten. Die Welt als
gegliedertes Ganzes hat ewig bestanden und wird nicht untergehn. Als
Aktualität ist Gott nicht Produkt, sondern Prinzip der Entwicklung
(Metaphys. 12, 6 u. 7). - Merkwürdig ist die Richtung der Neuplatoniker,
die das Göttliche weder als Nous noch als Gegenstand der Vernunft (weder
als nous noch als noêton) ansahen, sondern als Übervernünftiges
(hyperbebêkos tên nou physin). Es verhält sich zum Nous, wie
das Licht zum Auge. Die Einheit ist die Quelle und Kraft, woraus erst das
Seiende stammt. So hypostasiert Plotinos (206-270) das Resultat seiner
Abstraktion zu einem gesondert existierenden Wesen, hält es für ein
Prinzip dessen, woraus es abstrahiert ist, und nennt es die Gottheit.
Quelle: www.textlog.de
Ontologie
Rudolf Eisler O
Ontologie (ontologia): Wissenschaft vom Sein, vom Seienden
(on) als solchem, von den allgemeinsten, fundamentalen, konstitutiven
Seinsbestimmungen (=allgemeine Metaphysik, s. d.. prôtê philosophia
des ARISTOTELES). Bei CLAUBERG tritt »Ontologie« zuerst (auch als
»Ontosophie«) auf. »Sicuti autem theosophia vel theologia dicitur
quae circa Deum occupata est scientia: ita haec, quae non circa hoc vel illud
ens speciali nomine insignitum vel proprietate quadam ab aliis distinctum, sed
circa ens in genere versatur, non incommode ontosophia vel ontologia dici posse
videatur« (Opp. p. 281). Bei CHR. WOLF ist die Ontologie der erste Teil der
Metaphysik. »Ontologia seu philosophia prima est scientia entis in genere,
seu quatenus ens est« (Ontolog. § 1). »Ea demonstrare debet, quae
entibus omnibus sive absolute, sive sub data quadam constitutione
conveniunt« (l. c. § 8). Es gibt eine »ontologia naturalis«
und »artificialis« (l. c. § 21). »Ontologia est pars illa
philosophiae, quae de ente in genere et generalibus entium affectionibus
agit« (Philos. rational. § 73). Nach BAUMGARTEN ist die Ontologie
»scientia praedicatorum entis generaliorum« (Met. § 41).
BILFINGER erklärt: »Ontologia generales habitudines considerat ut
entia sunt,« »explicat ens qua ens, sive essentiam, et quae ad illam
pertinent, generaliter« (Dilucidat. § 4, 6). Nach J. EBERT werden in
der Ontologie »die Eigenschaften, welche allen Dingen gemein sind«,
erklärt (Vernunftlehre S. 9).
KANT setzt an die Stelle der früheren Ontologie die
Transcendentalphilosophie (s. d.). »Die Ontologie ist diejenige
Wissenschaft (als Teil der Metaphysik), welche ein System aller
Verstandesbegriffe und Grundsätze, aber nur sofern sie auf Gegenstände
gehen, welche den Sinnen gegeben und also durch Erfahrung belegt werden
können, ausmacht, Sie berührt nicht das Übersinnliche, welches
doch der Endzweck der Metaphysik ist, gehört also zu dieser nur als
Propädeutik, als die Halle oder der Vorhof der eigentlichen Metaphysik, und
wird Transcendentalphilosophie genannt, weil sie die Bedingungen und ersten
Elemente aller unserer Erkenntnis a priori enthält« (Üb. d.
Fortschr. d. Met. S. 98). - Bei J. J. WAGNER (Org. d. menschl. Erk.) ist die
Ontologie das System der Kategorien. HEGEL erneuert die Ontologie, die bei ihm
Logik und Metaphysik zugleich ist, als »die Lehre von den abstrakten
Bestimmungen des Wesens« (Encykl. § 33). Von Bedeutung ist die
Ontologie bei ROSMINI, besonders bei GIOBERTI, MAMIANI (Sull' ontologia e del
metodo) u. a. Bei HERBART ist sie wieder ein Teil der Metaphysik (Allgem. Met.
§ 199 ff.). Als Seinslehre tritt sie auf bei BRANISS (Syst. d. Met. S. 215
ff.), TRENDELENBURG, ULRICI, CHALYBAEUS (Wissenschaftslehre S. 95 ff.) u. a.,
als Teil der Erkenntnistheorie bei vielen Philosophen. Nach RIEHL, ist sie
»die Wiesenschaft der Dinge aus Begriffen« (Philos. Kritizism. I 1,
266), nach SCHUPPE »Erkenntnis der Grundzüge des Wirklichen«
(Log. S. 4). Vgl. Philosophie, Metaphysik, Ontologismus.
Quelle: www.textlog.de
Materie
Materie (lat. materia, gr. hylê), Stoff, bedeutet
allgemein philosophisch zunächst im Gegensatz zur Form das Ungeformte,
Ungestaltete, Sachliche, das uns durch die Qualität der Sinnesempfindung
gegeben ist, den Raum- und Zeitinhalt. So unterscheidet man z.B. die Materie
eines Raumes von seiner Gestalt, die Materie eines Kunstwerkes von der dadurch
ermöglichten Darstellung. Ebenso allgemein stellt Kant (1724-1804) der Form
unserer sinnlichen Empfindungen (nämlich dem Raume und der Zeit) ihre
Materie gegenüber, d.h. was wir durch die Empfindungen des Gehöre,
Gesichts usw. im Raume und der Zeit wahrnehmen, und ebenso schied er materielle
Sittengesetze, welche vorschreiben, nach welchen Objekten wir streben sollen,
von den formalen, die sich nur auf die Verhältnisse, wie unser ille sich
entscheidet, beziehen. - Im engeren metaphysischen Sinne bezeichnet Materie den
Inhalt der Erscheinungen. Eine ausreichende und feststehende Erklärung
dieses Inhaltes ist bisher nicht gelungen. Die Philosophen haben je nach ihrer
Gesamtansicht anderes darunter verstanden. Die Hylozoisten (Thales,
Anaximandros, Anaximenes, Herakleitos) betrachteten einen oder mehrere der durch
die Erfahrung bekannten oder hypothetisch angenommenen sinnlichen Stoffe
(Wasser, Apeiron [s. d.], Luft, Feuer usf.) als Grundprinzip und schieden den
Stoff noch nicht von bewegenden Kräften, sondern sahen diese als mit ihm
eins an. Die Scheidung des Stoffs von der bewegenden Kraft vollzogen zuerst
Empedokles (484 bis 424), der vier Elemente (Erde, Wasser, Luft und Feuer) und
zwei bewegende Kräfte Liebe und Haß (philia u. neikos) annahm, und
Anaxagoras (500-428), der sich die Materie aus unendlich vielen qualitativ
bestimmten Stoffteilchen (spermata) bestehend dachte und als bewegende Kraft
einen weltordnenden Geist (nous) ansetzte. Die Atomisten (Leukippos und
Demokritos, 5. u. 4. Jahrh. v. Chr.) stellten zuerst die Theorie auf, daß
die Materie aus qualitätslosen, durch Gestalt, Ordnung und Lage sich
unterscheidenden kleinsten Bestandteilen, den Atomen, bestände. Platon
(427-347) setzte den Stoff als das Nichtseiende in Gegensatz zu den Ideen (den
allgemeinen Begriffen), denen das substanzielle Dasein innewohnt; auch die
Metaphysik des Aristoteles (384-322) beruht auf dem Gegensatz von Stoff und
Form. Die Materie, der Stoff, ist das, was nur der Möglichkeit nach
existiert (dynamis), die Form dagegen das Wirkliche (energeia), die
Veränderung ist der Übergang aus jener in diese. Über das
Verhältnis von Materie und Form stritt das ganze Mittelalter; ein Teil der
Philosophen nahm eine Bestimmung der Materie durch die Form, der andere eine
Entwicklung der Form aus der Materie an. Durch Cartesius (1596-1650) ward die
Materie wieder neu bestimmt; da er den Gegensatz zwischen Denken (Geist) und
Ausdehnung für einen metaphysischen, für den zweier Substanzen ansah,
so erklärte er die Materie für die ausgedehnte Substanz im Gegensatz
zum Geiste, der denkenden Substanz. Demgemäß leitete er alle
körperlichen Vorgänge aus räumlich-mechanischen
Veränderungen ab. Leibniz (1646-1716) setzte an Stelle der Ausdehnung die
Raumerfüllung, die nur durch tätige Kraft erfolgen kann, und fand die
einzig tätige Kraft im Vorstellen. So gestaltete er die realen Dinge zu
Seelenmonaden mit Vorstellungsgkräften um; die Materie war ihm daher nichts
Reales, sondern nur die verworrene Vorstellung eines Aggregats von Monaden. Der
Materialismus (s. d.) suchte im Gegensatz zu dem Leibnizschen Idealismus alles
geistige Leben aus leiblichen Funktionen zu erklären und das ganze Dasein
in Materie aufzulösen. Er stützte sich besonders auf die durch die
Naturwissenschaft erneuerte alte Hypothese der Atome, welche zwar materiell,
aber auch zugleich physisch unteilbar sein sollten. Kant (1724-1804) ließ
dasjenige, was der Materie als dem im Raum Beweglichen eigentlich zu Grunde
liege, auf sich beruhen, suchte aber die Undurchdringlichkeit und Kohäsion
der Materie dynamisch durch anziehende und abstoßende Kräfte zu
erklären. Die Identitätsphilosophie von Hegel (1770-1831) und
Schelling (1775-1854) konstruierte die Materie aus einer Spannung relativ
geistiger Kräfte oder Potenzen und erklärte Geist und Materie als an
sich identisch, nur verschieden in der Erscheinung. Herbart (1776-1841)
ließ die Materie aus nichtausgedehnten mit der Kraft der Selbsterhaltung
ausgestatteten Realen bestehen, die in gewissen Fällen zu chemischer
Vermischung gelangen sollen. - An der Materie, der Substanz der Physik und
Chemie, finden wir Masse, Ausdehnung im Raume, Form, Volumen, Gewicht, aber sie
selbst fassen wir damit ebensowenig wie durch Teilung in kleinste Teilchen; wir
bleiben dabei immer außerhalb derselben und dringen nicht in ihr Inneres
ein. Dieses können wir uns nur als einen räumlich geordneten Komplex
von Energien denken, und auch mit diesem Begriff sind wir nicht befriedigt; denn
wir eliminieren damit eigentlich den Begriff der Materie vollständig. So
stehen wir mit den philosophischen Begriffen Materie und Form, Stoff und Kraft,
Substanz und Energie, die mit einander zusammenhängen, wie mit vielen
anderen Begriffen am Ende der Erkenntnis. Wir arbeiten mit diesen Begriffen
allenthalben, aber können sie nicht anders als psychologisch ableiten und
nicht von inneren Widersprüchen vollkommen befreien, noch über eine
wenig besagende inhaltlose Erklärung hinausbringen. (Siehe Ursache,
Substanz.) Kraft nennen wir dasjenige an einem Dinge, was wir durch bestimmte
Wirkungen auf andere Dinge erkennen, Form ist das Ergebnis der Einwirkung der
Kraft, Stoff dasjenige an einem Dinge, was unmittelbar in der
Empfindungsqualität unserem Bewußtsein gegeben ist. Die Form liegt
vor in Zahl, Zeit und Raum, der Stoff in allem, was den Inhalt derselben
ausmacht. - Nach den neusten naturwissenschaftlichen Auffassungen ist die
Materie tatsächlich nichts anderes als »Träger der Energie«
ja vielleicht nur eine besondere Form der Energie. Die Richtigkeit dieser
Annahme ist wegen des unendlich kleinen Quantums Materie, welche bei der
Erscheinung der verschiedenen Strahlungen dissoziiert wird, zur Zeit noch nicht
nachweisbar. Sagt man also z.B., das Radium sende materielle Strahlen aus, so
ist dies so zu verstehen, daß es Strahlen entsende, welche die Eigenschaft
der Masse im heutigen Sinne habe. Nun besteht nach Thomson die Materie,
beziehungsweise das Atom derselben aus Einheiten der Elektrizität, aus
Elektronen (s. d.), in welche die Atome bei gewaltsamer Trennung wieder zu
zerfallen vermögen. Demnach versteht man unter der Strahlung des Radiums
nichts anderes, als daß es Elektronen entsendet, aus deren Wirkung. auf
den Äther die merkwürdigen Eigenschaften, welche es besitzt, sich
ergeben. Vgl. strahlende Materie. F. A. Lange, Gesch. des Materialismus. 6.
Aufl. 1896. Ostwald, Vorlesungen über Naturphilosophie. 3. Aufl. Leipzig
1905.
Quelle: www.textlog.de
Makrokosmos, Mikrokosmos
Makrokosmos und Mikrokosmos (gr. v. makros = groß,
mikros = klein u. kosmos = Welt) heißt die große und die kleine
Welt, Natur und Mensch. Die Benennung und Entgegenstellung findet sich schon bei
Aristoteles (384-322); doch handelt es sich bei ihm nicht um Mensch und Natur,
sondern um belebtes Wesen (empsychon, zôon) und Weltall (Physic. Akroas.
VIII, 2 p. 252 b 26 ei gar en mikrô kosmô ginetai, kai en
megalô). Die zusammengesetzten Worte tauchen erst in der späteren
griechischen Philosophie auf. Sie vererben sich dann durch das Mittelalter (vgl.
z.B. Konrad v. Megenberg, Buch der Natur, herausgegeb. von Fr. Pfeiffer 1841, S.
4) auf die Neuzeit. Bei den Naturphilosophen des 16. Jahrhunderts, besonders bei
Paracelsus (1493-1541), wurde die Welt als menschlicher Organismus im
großen (Makranthropos) und der Mensch als eine Welt im kleinen
(Mikrokosmos) gedacht, womit sich die Ansicht verband, daß eine
Übereinstimmung beider bestehe.
Quelle: www.textlog.de
Kraft - Aristoteles, Descartes, Leibniz, Kant
Rudolf Eisler K Kraft
Der animistische (s. d.) Ursprung des Kraftbegriffes zeigt
sich noch bei THALES (s. Hylozoismus). ANAXAGORAS bestimmt als Urkraft den
»Geist« (s. d.). EMPEDOKLES betrachtet als Naturkräfte Liebe
(philia) und Streit (neikos), welche die Dinge (Elemente, s. d.) bald zusammen-,
bald auseinanderbringen (Aristot., Met. II 4, 1000a 27; Sext. Empir. adv. Math.
VII, 115). HERAKLIT betrachtet den »Kampf« (s. d.) als die Kraft, der
alle Veränderung entspringt. PLATO schreibt zuweilen den Ideen (s. d.)
Kräfte zu. ARISTOTELES erblickt in den »Formen« (s. d.) die von
innen gestaltenden Naturkräfte. Die dynamis ist Prinzip der Bewegung
(archê kinêseôs, Met. V 12, 1019a 15). Es gibt dynamis tou
poiein und tou paschein (l.c. IX 1, 1046a 20), alogoi und meta logou dynameis
(l.c. IX 1, 1046b 3). Die Stoiker betrachten die Kraft (to poioun) als das
Wesentliche des pneuma (s. d.), das aber zugleich Stoff ist. In den Dingen sind
die logoi spermatikoi (s. d.) als Ausflüsse der göttlichen Urkraft
(Diog. L. VII, 134). PLOTIN bestimmt die Ideen (s. d.) als noerai dynameis
Geistige Kräfte sind ferner die henades (s. d.) bei PROKLUS, die Äonen
(s. d.) der Gnostiker (s. d.). (Nach BASILIDES emaniert die dynamis mit der
sophia aus der phronêsis, Iren. I, 24.) Die Atomisten kennen nur
äußere, nur Bewegungskräfte (vgl. Atom).
Die Scholastiker betrachten als Kräfte die »formae
substantiales« (s.d.) und »qualitates occultae« (s. d.). Kraft-
und Vermögensbegriff (s. d.) werden nicht scharf voneinander geschieden.
Die »potentia« ist nach THOMAS »principium operationis«
(Sum. th. I, 25, 1 ob. 3). Es gibt »potentia activa« und
»passiva« (l.c. I, 77, 3c), »potentia cum ratione« und
»irrationalis« (l.c. I, 79, 12a).
Innere Kräfte nehmen PARACELSUS, J. B. VAN HELMONT u. a.
an. Nach TELESIUS sind Wärme und Kälte die elementaren
Naturkräfte (s. Prinzip). Nach CAMPANELLA ist die »facultas«
»potestativae essentialis virtus ad actum et actionem energens« (Dial.
I, 6). G. BRUNO erblickt in der göttlichen Natur (s. d.) die Urkraft (De la
causa III).
GALILEI bestimmt die Kraft (impetus) als stetige Folge
momentaner Impulse (Dial. delle nuove science III, 2). Den mechanischen
Kraftbegriff hat DESCARTES. »Hic vero diligenter advertendum est, in quo
consistat vis cuiusque corporis ad agendum in aliud, vel ad actioni alterius
resistendum: nempe in hoc uno, quod unaquaeque res tendat, quantum in se est, ad
permanendum in eodem statu, in quo est, iuxta legem... Hinc enim id, quod alteri
coniunctum est, vim habet nonnullam, ad impediendum ne disiungatur; id, quod
disiunctum est, ad manendum disiunctum; id, quod quiescit, ad perseverandum in
suo motu, hoc est, in motu eiusdem celeritatis, et versus eandem partem. Visque
illa debet aestimari tum a magnitudine corporis, in quo est, et superficiei,
secundum quam istud corpus ab alio disiungitur; tum a celeritate motus, ac
natura, et contrarietate modi, quo diversa corpora sibi mutuo occurrunt«
(Princ. philos. II, 43). SPINOZA schreibt jedem Wesen einen »conatus«,
»in suo esse perseverare« zu (vgl. Erhaltung). NEWTON definiert die
Kraft als »eine auf den Körper geübte Tätigkeit, um seinen
Zustand der Ruhe oder gleichförmigen Bewegung in gerader Richtung zu
ändern« (Nat. philos. princ. math. II, def. 4).
LEIBNIZ sieht in der Kraft (force, effort, acte, entelechie)
das Wesen der Substanz (s. d.), »le constitutif de la substance«,
»le principe d'action«, sie »rend la matière capable
d'agir et de résister« (Gerh. IV, 472). Sie ist kein leeres
Vermögen, sondern ein Mittleres zwischen dem Vermögen zu wirken und
dem Wirken selbst. Sie enthält eine entelecheia (s. d.), ein Streben, eine
Actualität, die nur der Beseitigung des Hindernisses bedarf (wie bei dem
gespannten Bogen), um von selbst zu wirken (Erdm. p. 121). Die klarste
Vorstellung von Kraft haben wir durch innere Erfahrung (Nouv. ESS. II, ch. 21,
§ 4). Der Kraftbegriff selbst wird nicht durch »imaginatio«,
sondern durch den »intellectus« gebildet (Erdm. p. 124). Ihrer inneren
Natur nach ist die Kraft etwas Psychisches, ein Streben von einem
Vorstellungszustand zum andern (Monadol. 15). Es gibt »primitive« und
»abgeleitete« Kräfte (Gerh. VI, 236). Die passive Kraft ist der
Widerstand (die antitypia, s. d.), durch den ein Körper sowohl der
Durchdringung als auch der Bewegung widersteht (Math. Schrift. ed. Pertz III,
100). Die aktive Kraft schließt die Tendenz zur Handlung ein (l.c. S.
101). Die derivative Kraft ist der Impetus, die Tendenz zu einer bestimmten
Bewegung (l.c. S. 102). »Lebendige« Kraft ist die in der actuellen
Bewegung sich äußernde Kraft (l.c. S. 235). Die Kraftsumme im All ist
konstant (Erdm. p. 775). - CHR. WOLF definiert: »Die Quelle der
Veränderungen nennt man eine Kraft« (Vern. Ged. I, § 115). Kraft
ist »dasjenige, worinnen der Grund von der Bewegung zu finden« (l.c.
§ 623). »Alle Kräfte bestehen in einer festen Bemühung,
etwas zu tun oder den Zustand eines Dinges zu ändern« (l.c. §
624). »Quod in se continet rationem sufficientem actualitatis actionis, vim
appelamus« (Ontolog. § 722). »Posita vi ponitur actio« (l.c.
§ 723). Die Kraft besteht »in continuo agendi conatu« (l.c.
§ 724). »Vis continuo tendit ad mutationem status subiecti« (l.c.
§ 725). CRUSIUS bestimmt: »Die Möglichkeit eines Dinges B, welche
an ein anderes Ding A verknüpft ist, heißt in dem Dinge A in dem
weitesten Verstande eine Kraft« (Vernunftwahrh. § 29). In den
Substanzen sind mehrere Grundkräfte (Met. § 73). Nach MENDELSSOHN ist
die »Kraft« so viel wie »die beständigen Eigenschaften des
A, oder das Fortdauernde in demselben« (Morgenst. I, 2). PLATNER sieht in
der Kraft das Konstituens der Substanz (s. d.). In einer Substanz gibt es eine
»Grundkraft«, von welcher die übrigen Kräfte abhängen
(Philos. Aphor. I, § 930 ff., 932). Kraft oder Vermögen im weiteren
Sinne ist ein Name für die »bleibenden Bestimmungen,
Eigenschaften«, in welchen die Möglichkeit aller Richtungen der
substantiellen Kraft gegründet ist (l.c. § 934). - BONNET bemerkt:
»Les parties de la matière sont liées entr' elles, et cette
liaison suppose nécessairement une force qui l'opère; car les
parties de la matière sont indifférentes par elles-mêmes
à toute liaison ou à toute situation particulière. De plus,
la matière résiste, et cette résistance suppüose
encore un force qui l'opère« (Ess. analyt. VI, 46). Nach HUME ist
»Kraft« für uns nichts als der unbekannte Umstand, wodurch das
Maß oder die Größe der Wirkung eines Gegenstandes bestimmt wird
(Inquir. VII, 1; Treat. III, sct. 14). LAPLACE erklärt: »La force
n'étant connue que par l'espace qu'elle fait décrire dans un temps
déterminé, il est naturel de prendre cet espace pour sa
mesure« (Mécan. céleste I, 1, C. 2).
Quelle: www.textlog.de
Kategorien
Rudolf Eisler K
Kategorien (katêgoriai von katêgorein, aussagen,
»praedicamenta«): Aussagen, allgemeinste oder Grundaussagen über
das Seiende, Grundbegriffe, Stammbegriffe, oberste Begriffe als Niederschlag von
allgemeinsten Urteilen über das Seiende, Fundamentalbeurteilungen,
Denkformen, Denksetzungen, Seinsarten. Die logischen Kategorien sind die
allgemeinsten Begriffe, welche aus der denkenden Verarbeitung der
Erfahrungsinhalte entspringen. Sie sind nicht direkt aus der Erfahrung (den
Empfindungen, Vorstellungen) abstrahiert, sondern haben in dieser nur ein
»Fundament«, d.h. die Erfahrung (das Gegebene) enthält Momente,
die zur Setzung der Kategorien veranlassen, nötigen. Formal sind die
Kategorien ein Produkt von Setzungen, Urteilen, ein Werk des
beziehend-synthetischen Denkens. Aber sie sind nicht bloße Formbegriffe,
sondern haben auch einen der (inneren) Anschauung entnommenen Inhalt,
nämlich ein Verhalten des Ich, welches in und mit der Kategorie auf die
Inhalte der äußeren Erfahrung übertragen, projiziert wird.
Einheit, Identität, Beharrlichkeit (Substantialität), Wirken
(Kausalität) sind Bestimmungen, die nicht objektiv erlebt (empfunden), auch
nicht aus »angeborenen« Begriffen stammen, auch nicht bloß
formale Beziehungen des Denkens sind, sondern Bestimmungen, die das Ich
ursprünglich nur bei und in sich selbst vorfindet und nach deren Analogie
es die Wahrnehmungsobjekte beurteilt, dies aber nicht willkürlich, sondern
psychologisch und logisch motiviert durch das äußere (erfahrbare)
Verhalten der Objekte, das dem äußeren (sinnlich-physischen)
Verhalten des Ich gleichartig ist. Die subjektive Quelle der Kategorien ist
also, in formaler und materialer Beziehung, das denkend-wollende Ich. Indem das
Subjekt die Kategorien (primär nicht begrifflich, sondern in konkreter,
unreflektierter Weise) auf den Inhalt seiner Erlebnisse, auf das Immanente (s.
d.), anwendet, meint es (implizite, in der Wissenschaft und im philosophischen
Realismus explicite) die transzendente Gültigkeit der Grundbegriffe, d.h.
es setzt, postuliert mit ihnen transzendente, nicht objektiv erlebbare Faktoren
der Objekte, es bereichert das Für-ein-Subjekt dieser um ein Eigen- und
Fürsich-sein. Die Funktion der Kategorien (Kategorialfunktionen) sind also
Herstellung von Einheit, Zusammenhang, Ordnung, Objektivität
(»Objektivierung«) in den Erlebnissen und zugleich Setzung eines
Transzendenten im Erkenntnisimmanenten (»Subjektivierung«,
»Hypostasierung«). Insofern die Kategorien für jede mögliche
Erfahrung notwendig Gültigkeit beanspruchen und insoweit sie nicht den
Erfahrungsinhalten, sondern der Ichheit und dem Denken entspringen und in die
Erlebnisse erst hineingelegt (introjiziert) werden, haben sie apriorischen (s.
d.) Charakter. Insofern aber die Erfahrungsinhalte selbst den Anlaß zur
Anwendung der Kategorien bieten und insoweit die Anwendbarkeit derselben
beständig durch die Erfahrung erhärtet, erprobt wird, sind sie
empirisch fundiert. - Die Urkategorie ist die »Ichheit«. Ihr
objektiver Reflex ist die »Dingheit« (s. d.). Sie enthält schon
das »Wirken«. Aus »Ding« und »Wirken« (Tun) gehen
die Kategorien (und »Postprädikamente«, s. d.)
»Substanz« (Sein) mit »Akzidenzen« (Eigenschaften,
Zuständen), »Kausalität«, »Kraft«,
»Zweck« u.s.w. hervor. »Ichheit« und »Dingheit«
explizieren sich in »Einheit« (Identität), »Anderheit«
(Verschiedenheit), »Vielheit«. Psychologische Kategorien sind Begriffe
von allgemeinen psychischen Tätigkeiten und Zuständen.
Ästhetische und ethische Kategorien sind Arten der Wertbegriffe (s.
d.).
Die Kategorien werden betrachtet: 1) als Denkbestimmungen, die
für das Seiende zugleich gelten; 2) als apriorisch-Subjektive,
phänomenale Bestimmungen; 3) als empirisch-objektive; 4) als
empirisch-subjektive Bestimmungen; 5) als bloß biologisch-wertvolle
Begriffe. Also: rationaler, apriorischer Ursprung der Kategorien, Ursprung aus
der äußeren, aus der inneren Erfahrung; aus dem Zusammenwirken von
Denken und Erfahrung; Subjektive, objektive (transzendente) Gültigkeit der
Kategorien; Elimination derselben.
Inhalt:
Platon, Aristoteles, Bacon, Hume
Kant
Schopenhauer, Cohen, Husserl
Fichte, Hegel, Schleiermacher
Trendelenburg, Lotze, Hartmann
Renouvier, Herbart, Nietzsche
Herbart, Spencer, Nietzsche
Quelle: www.textlog.de
Kategorien - Platon, Aristoteles, Bacon, Hume
Rudolf Eisler K Kategorien
Das System des KANÂDA unterscheidet sechs Kategorien
(padârthras): Substanz (dravja), Qualität (guna), Wirken (karma),
Gemeinschaft (sâmanja), Unterschied (viceschna),
»Zueinandersein« (samanâja). Die vorsokratischen Philosophen
verwenden die Kategorien im objektiv-metaphysischen Sinne Eine gewisse
Verwandtschaft mit einer Kategorientafel weist die Pythagoreische Tafel der
Gegensätze (s. d.) auf. Der erste, der die Begriffe auf Grundbegriffe
zurückführt, ist PLATO. Er nennt sie koina peri pantôn (Theaet.
185 E), megista genê, (höchste Gattungen, Soph. 254 C, D). Es sind
dies Sein (Seiendes, on), Identität (tauton), Anderheit (heteron),
Veränderung (kinêsis), Beharrung (stasis) (Soph. 254 C, D).
Katêgorêteon (»Ausgesagtes«) kommt Theaet. 167 A vor. -
Der eigentliche Begründer der Kategorienlehre ist ARISTOTELES. Von
grammatikalischen Gesichtspunkten (vgl. TRENDELENBURG, Gesch. d. Kategorienl. S.
209) geleitet, nennt er katêgoriai, genê tôn
katêgoriôn, schêmata tês katêgorias tôs
ontôn die (objektiven) Grundaussagen über das Seiende, die
allgemeinen Seinsweisen selbst, die obersten Gattungsbegriffe, denen alles
Seiende sich unterordnen läßt. Er nimmt zunächst zehn Kategorien
an: Substanz (ousia), Quantität (poson), Qualität (poion), Relation
(pros ti), Ort (pou), Zeit (pote), Lage (keisthai), Haben oder Verhalten
(echein), Tun (poiein), Leiden (paschein) (Top. I 9, 103 b 20 squ.; Categor. 4,
1b 25). Auch eine Achtzahl von Kategorien (ohne keisthai und echein) kommt vor
(Analyt. post. I 22, 83a 21; 83b 16; Phys. V 1, 225b 6). Drei Kategorien
(ousiai, pathê, pros ti) werden aufgezählt Met. XIV 2, 1089 b 23.
Auch stellt Aristoteles der ousia die übrigen Kategorien als
symbebêkota gegenüber (Analyt. post. I, 22). Die Kategorien haben ihr
Correlat im Sein: hosachôs gar legetai, tosautachôs to einai
sêmainei (Met. V, 7). - STRATO betrachtet als oberste Kategorie die ousia
(Prokl. in Tim. 242 E). Die Stoiker stellen vier Kategorien (prôta
genê, genikôtata) auf: Substrat oder Substanz (hypokeimenon),
Qualität (poion), Verhalten (pôs echon), Relation (pros ti pôs
echon) (Simplic. in Cat. f. 16). Das hypokeimenon ist die oberste Kategorie.
PLOTIN unterscheidet sinnliche und intelligible Kategorien, d.h. Kategorien, die
für die sinnliche, und solche, die für die Idealwelt gelten; die
intelligiblen Kategorien gelten für die sinnliche Welt nur analogia kai
homônymia (Enn. VI, 1 ff.). Die prôta genê tôn
noêtôn sind: on, stasis, kinêsis, tautotês.
heterotês (Enn. VI, 1, 25; VI, 2, 7 ff.). In der Sinnenwelt gibt es ousia,
pros ti, poson, poion, kinêsis.. Die Aristotelischen Kategorien
(»summa rerum genera«) werden bei BOËTHIUS, CLAUDIUS MAMERTINUS
(De statu anim. I, 19), JOHANNES DAMASCENUS, ALCUIN, GERBERT, ANSELM u. a.
aufgezählt: »substantia, quantitas, qualitas, relatio, actio, passio,
ubi, quando, situs, habitus«. AUGUSTINUS nennt drei psychologische
Kategorien: »memoria, intellectus, voluntas«, denen er »esse,
nosse, velle« als Seinskategorien gegenüberstellt. Die sinnlichen
Kategorien sind auf Gott nicht anwendbar. Gott (s. d.) ist »sine qualitate
bonum«, »sine quantitate« u.s.w. (De trinit. 17, 2). Auch JOH.
SCOTUS ERIUGENA behauptet: »Nulla categoria proprie Deum significare
potest« (De div. nat. I, 15). Alle Kategorien stehen zueinander in
Beziehung. Die ousia ist die Grundlage aller anderen; einige Kategorien sind zu
jener periochai, circumstantes, andere dagegen Akzidenzen der ousia (l.c. I, 24;
I, 27; I, 51; I, 54). Die Kategorien konstituieren den Körper (s. d.),
welcher demnach aus Unkörperlichem (durch den Logos) gebildet wird.
»Omnes... categoriae incorporales sunt per se intellectae. Earum tamen
quaedam inter se mirabili quodam coitu - materiam visibilem efficiunt«
(l.c. I, 36). Nach ABAELARD kann Gott nicht kategorial bestimmt werden (Introd.
ad theol. II, p. 1073). THOMAS erklärt: »Modi... essenti
proportionales sunt modis praedicandi« (3 phys. 5i). Nach WILHELM VON OCCAM
sind die Prädicamente »termini primae intentionis«. Es gibt ihrer
drei: »substantia, qualitas, respectus« (In 1. sent. I, d. 8). Eine
Menge Prädikamente gibt es nach R. LULLUS.
LAURENTIUS VALLA zählt drei Kategorien auf:
»substantia, qualitas, actio« (Dial. disp. I, 17). Zehn Kategorien
kennt CAMPANELLA: »substantia, quantitas, forma seu figura, vis vel
facultas, operatio seu actus, actio, passio, similitudo, dissimilitudo,
circumstantia« (vgl. TRENDELENBURG, Gesch. d. Kategorienl. S. 266).
MELANCHTHON definiert: »Praedicamenta sunt certi quidam ordines vocum inter
se cognatarum« »Praedicamentum est ordo generum et specierum sub uno
genere generalissimo« (Trendel., Gesch. d. Kategor. S. 253). Gegen die
Aristotelische Kategorientafel erklären sich L. LIVES, PETRUS RAMUS,
GASSENDI (De logicae origine, 8 f., opp. I).
F. BACON zählt als »transcendentia« (s. d.)
auf: »maius, minus, multum, paucum; idem, diversum; potentia, actus;
habitus, privatio; totum, partes; agens, patiens; motus, quies; ens, non
ens« (De augm. scient. V, 4). Wie SPINOZA kennt LOCKE drei Kategorien:
Substanz, modi, Relationen. Es sind zusammengesetzte Ideen, Producte der
verbindenden Function des Denkens, deren Inhalt aus der Erfahrung stammt (Ess.
II, ch. 12, § 3). LEIBNIZ zählt als »cinq titres
généraux« auf: »substances, quantités,
qualités, actions ou passions, relations« (Nouv. Ess. III, ch. 10,
§ 14). CRUSIUS nennt als die »einfachsten Begriffe«: Subsistenz,
Irgendwo und Außereinander, Sukzession, Kausalität, unräumliches
Auseinander, Einheit, Verneinung, Darinnensein (Vernunftwahrh. §102). Meist
werden von den Philosophen des 17. und 18. Jahrhunderts nur Substanz,
Eigenschaft, Zustand, Verhältnis (Relation) aufgezählt (vgl. PLATNER,
Philos. Aphor. I, § 515). - HUME betrachtet die Kategorien der Substanz (s.
d.) und der Kausalität (s. d.) als bloß Subjektive, pseudoempirische
Begriffe, als Assoziations- und Phantasieprodukte, beruhend auf Gewohnheit (s.
d.) und Glauben (s. d.). Dagegen betont die schottische Schule den rationalen
Ursprung und Wert der Grundbegriffe des Erkennens. Als Denkgebilde, die
ungeachtet ihres subjektiven Ursprungs Objektivität setzen, betrachtet die
Kategorien TETENS (der so schon KANT nahe kommt). »Wenn wir zwei Dinge
für einerlei halten, wenn wir sie in ursächlicher Verbindung
denken..., so gibt es einen gewissen Actus des Denkens; und die gedachte
Beziehung oder Verhältnis in uns ist etwas Subjektives, das wir den
Objekten als etwas Objektives zuschreiben und das aus der Denkung
entspringt.« »Diese Actus des Denkens sind die ersten
ursprünglichen Verhältnisbegriffe« (Philos. Vers. I, 303; vgl.
LAMBERT, Neues Organ.).
Quelle: www.textlog.de
Kategorien - Kant
Rudolf Eisler K Kategorien
Eine ganz neue Kategorienlehre begründet KANT. Er leitet
sie aus der Gesetzmäßigkeit des Denkens, aus der »reinen
Vernunft« (s. d.), aus der Denktätigkeit, als Formen (s. d.) dieser,
ab; nicht sind sie Abstraktionen aus dem Erfahrungsinhalt, sondern sie sind
etwas die Erfahrung Formendes, Gestaltendes, Konstituierendes, Bedingendes, sie
sind a priori (s. d.), transzendental (s. d.), nicht als Begriffe angeboren (s.
d.), gehen aber aller möglichen Erfahrung logisch voran, d.h. sie gelten
notwendig und allgemein- gewiß im vorhinein für jede Erfahrung, weil
sie eben die Formen unseres Denkens und damit auch alles Gedachten, Erkannten
sind. Sie machen (actuale, geordnete) Erfahrung erst möglich, setzen erst
Einheit und gesetzmäßigen Zusammenhang in den Erfahrungsinhalten. Das
ist ihre Function; sie dienen nur der Anwendung auf Erfahrungsinhalte, nicht auf
Dinge an sich, sind also nur »Subjektiv« (d.h. nichttranszendent).
Schon in seiner vorkritischen Periode bestimmt Kant die Kategorien als
»reine Verstandesbegriffe.« »Cum... in metaphysica non
reperiantur principia empirica, conceptus in ipsa obvii non quaerendi sunt in
sensibus, sed in ipsa natura intellectus puri, non tanquam conceptus connati,
sed e legibus menti insitis (attendendo ad eius actiones occasione experientiae)
abstracti, adeoque acquisiti. Huius generis sunt possibilitas, existentia,
necessitas, substantia, causa etc. cum suis oppositis aut correlatis; quae cum
numquam seu partes repraesentationem ullam sensualem ingrediantur, inde abstrahi
nullo modo potuerunt« (De mund. sensib. sct. II, § 8). - Zur
Verbindung des Mannigfaltigen der Anschauung bedarf es einer einheitsetzenden
Synthese. »Diese Synthesis auf Begriffe zu bringen, das ist eine Funktion,
die dem Verstande zukommt, und wodurch er uns allererst die Erkenntnis in
eigentlicher Bedeutung verschaffet.« »Die reine Synthesis, allgemein
vorgestellt, gibt nun den reinen Verstandesbegriff,« die Kategorie (Krit.
d. r. Vern. S. 95). Sie ist also der Begriff eines Denkaktes bezw. dessen
Produktes, der Synthese, der Einheitsform. Nun ist aber nach Kant die
Einheitsfunction im Anschauen dieselbe Funktion, »welche den verschiedenen
Vorstellungen in einem Urteile Einheit gibt« (ib.). »Auf diese Weise
entspringen gerade so viel reine Verstandesbegriffe, welche a priori auf
Gegenstände der Anschauung überhaupt gehen, als es... logische
Funktionen in allen möglichen Urteilen gab: denn der Verstand ist durch
gedachte Funktionen völlig erschöpft und sein Vermögen dadurch
gänzlich ausgemessen. Wir wollen diese Begriffe, nach dem Aristoteles,
Kategorien nennen« (1. e. S. 96). Es gibt zwölf Kategorien, die in
vier Klassen zu bringen sind:
Kategorientafel (Kritik der reinen Vernunft S. 96):
Es gibt Kategorien
1) der Quantität:
Einheit
Vielheit
Allheit
2) der Qualität:
Realität
Negation
Limitation
3) der Relation:
Inhärenz und Subsistenz (Substanz und Accidens)
Kausalität und Dependenz (Ursache und Wirkung)
Gemeinschaft (Wechselwirkung)
4) der Modalität:
Möglichkeit - Unmöglichkeit
Dasein - Nichtsein
Notwendigkeit - Zufälligkeit.
Das sind die »ursprünglich reinen Begriffe, die der
Verstand a priori in sich enthält, und um derentwillen er auch nur ein
reiner Verstand ist; indem er durch sie allein etwas bei dem Mannigfaltigen der
Anschauung verstehen, d. i. ein Objekt denken kann«. Die Einteilung ist
»systematisch aus einem gemeinschaftlichen Prinzip, nämlich dem
Vermögen zu urteilen« (l.c. S. 97). Die Kategorien sind »die
wahren Stammbegriffe des reinen Verstandes« (ib.). Zu ihnen kommen noch die
»Prädikabilien« (s. d.), »reine, aber abgeleitete«
Verstandesbegriffe (Kraft, Handlung, Leiden, Widerstand, Veränderung
u.s.w.) (l.c. S. 98). Die Kategorientafel zerfällt in zwei Abteilungen,
»deren erstere auf Gegenstände der Anschauung (der reinen sowohl als
der empirischen), die zweite aber auf die Existenz der Gegenstände
(entweder in Beziehung aufeinander oder auf den Verstand) gerichtet ist«.
Die erste Klasse ist die der »mathematischen«, die zweite die der
»dynamischen« Kategorien (l.c. S. 99). Eine »artige«
Betrachtung ist es, »daß allerwärts eine gleiche Zahl der
Kategorien jeder Klasse, nämlich drei, sind...
Dazu kommt aber noch, daß die dritte Kategorie
allenthalben aus der Verbindung der zweiten mit der ersten ihrer Klasse
entspringt« (ib.). Die Kategorien (Prädikamente) sind
»Denkformen« für den Begriff von einem Gegenstande der Anschauung
überhaupt, sie sind für sich von den Formen der Sinnlichkeit (s. d.)
nicht abhängig (Üb. d. Fortschr. d. Met. S. 112). Sie sind
synthetische »Funktionen« (l.c. S. 116), »Gedankenformen«
(Krit. d. r. Vern. S. 671), »reine Erkenntnisse a priori, welche die
notwendige Einheit der reinen Synthesis der Einbildungskraft, in Ansehung aller
möglichen Erscheinungen, enthalten« (l.c. S. 129). Sie gelten a
priori, notwendig, für alle Erfahrung, bestimmen diese a priori
gesetzmäßig. Die Berechtigung (»Möglichkeit«) dazu und
die Möglichkeit der Beziehung dieser Subjektiv-formalen Begriffe auf
Objekte zeigt die »transzendentale Deduktion« (s. d.) der Kategorien
(l.c. S. 107 ff.). Die objektive Gültigkeit der Kategorien beruht eben
darauf, »daß durch sie allein Erfahrung (der Form des Denkens nach)
möglich sei«. Sie sind Bedingungen der Erfahrung. Ohne sie kann nichts
Objekt der Erfahrung sein, nur vermittelst ihrer kann ein Gegenstand der
Erfahrung gedacht werden (l.c. S. 109 f.). Zuletzt liegt die Notwendigkeit der
Kategorien in der »Beziehung, welche die gesamte Sinnlichkeit, und mit ihr
auch alle möglichen Erscheinungen, auf die ursprüngliche Apperzeption
(s. d.) haben, in welcher alles notwendig den Bedingungen der durchgängigen
Einheit des Selbstbewußtseins gemäß sein, d. i. unter
allgemeinen Funktionen der Synthesis stehen muß, nämlich der
Synthesis nach Begriffen, als worin die Apperzeption allein ihre
durchgängige und notwendige Identität a priori beweisen kann«.
Diese Identität (s. d.) muß in die Synthesis der Erscheinungen
hineinkommen, und deshalb sind »die Erscheinungen Bedingungen a priori
unterworfen, welchen ihre Synthesis (der Apprehension) durchgängig
gemäß sein muß, d.h. die Erscheinungen stehen unter notwendigen
Gesetzen« (l.c. S. 124 f.) Der reine Verstand ist in den Kategorien
»das Gesetz der synthetischen Einheit aller Erscheinungen«. Der
Verstand zeigt in seinen Synthesen seine »Spontaneität« (s. d.)
(l.c. S. 662 ff.). Warum diese gerade zwölf Kategorien hervorbringt,
können wir nicht wissen (l.c. S. 668). - Die Kategorien verschaffen nur
Erkenntnis, wenn sie auf (mögliche) Anschauungen angewandt werden; sie
haben keinen Gebrauch als nur für »Gegenstände möglicher
Erfahrung« (l.c. S, 668 f.). Sie haben »keine Bedeutung, wenn sie von
Gegenständen der Erfahrung abgehen und auf Dinge an sich selbst (Noumena)
bezogen werden sollen. Sie dienen gleichsam nur, Erscheinungen zu buchstabieren,
um sie als Erfahrung lesen zu können« (Prolegom. § 30). Ihr
Gebrauch ist ein immanenter (s. d.) (WW. IV, 76). »Unsere sinnliche und
empirische Anschauung kann ihnen allein Sinn und Bedeutung verschaffen«
(l.c. S. 670). Was der Verstand »aus sich selbst schöpft, ohne es von
der Erfahrung zu borgen«, das hat er »dennoch zu keinem andern Behuf,
als lediglich zum Erfahrungsgebrauch«. Abgesehen von der Anschauung, sind
die Kategorien »ein bloßes Spiel, es sei der Einbildungskraft oder
des Verstandes« (l.c. S. 224). »Der Begriff bleibt immer a priori
erzeugt, samt den synthetischen Grundsätzen oder Formeln aus solchen
Begriffen; aber der Gebrauch derselben und Beziehung auf angebliche
Gegenstände kann am Ende doch nirgends als in der Erfahrung gesucht werden,
deren Möglichkeit (der Form nach) jene a priori enthalten.«
»Daher können wir auch keine der Kategorien definieren, ohne uns
sofort zu Bedingungen der Sinnlichkeit, mithin der Form der Erscheinungen
herabzulassen, als auf welche, als ihre einzigen Gegenstände, sie folglich
eingeschränkt sein müssen« (l.c. S. 142 ff.). Die Kategorien
bedürfen »Bestimmungen ihrer Anwendung auf Sinnlichkeit
überhaupt«, des transzedentalen »Schemas« (s. d.). Die
Schemata »realisieren« die Kategorien und »restringieren«
sie auf die Sinnlichkeit (l.c. S. 142 ff.). Die Kategorien haben transzendentale
Bedeutung, aber nur empirischen Gebrauch, sie gelten nur für Phänomene
(s. d.), setzen ein empirisch Gegebenes zur Anwendung voraus (l.c. S. 229 ff.,
234). Durch die Kategorien lassen sich nur Erfahrungsobjekte erkennen, zu
praktischen Zwecken aber können sie auch auf das Übersinnliche bezogen
werden (Krit. d. prakt. Vern. I. T., 1. Bd., 1. Hptst.). Die Apriorität der
Kategorien erklärt die Möglichkeit synthetischer Urteile (s. d.) a
priori. - Es gibt auch »Kategorien der Freiheit«, die auf die
Bestimmung eines freien Willens gehen und die Form des reinen Willens zur
Grundlage haben. Sie sind »praktische Elementarbegriffe« (Krit. d.
prakt. Vern. S. 79). Die Tafel derselben ist folgende (l.c. S. 81):
Kategorien der
1) Quantität:
Subjektiv, nach Maximen: Willensmeinungen des
Individuums
Objektiv, nach Prinzipien: Vorschriften
A priori sowohl als subjektive Prinzipien der Freiheit:
Gesetze.
2) Qualität:
Praktische Regeln des Begehens (praeceptivae)
Praktische Regeln des Unterlassens (prohibitivae)
Praktische Regeln der Ausnahmen (exceptivae).
3) Relation:
Auf die Persönlichkeit
Auf den Zustand der Person
Wechselseitig einer Person auf den Zustand der
andern.
4) Modalität:
Das Erlaubte und Unerlaubte
Die Pflicht und das Pflichtwidrige
Vollkommene und unvollkommene Pflicht.
Quelle: www.textlog.de
Kategorien - Schopenhauer, Cohen, Husserl
Rudolf Eisler K Kategorien
Die Apriorität (s. d.) der Kategorien wird von Kantianern
und Halbkantianern teils in streng logischem (rationalem), teils in mehr
psychologischem Sinne genommen. Nach REINHOLD sind die Kategorien
»bestimmte Formen der Zusammenfassung in objektiver Einheit«,
»Handlungsweisen des Verstandes« (Vers. ein. neuen Theor. II, 458).
BECK setzt das Wesen der Kategorien in die Erzeugung objektiver Einheit des
Bewußtseins (Erl. Ausz. III, 155). Nach S. MAIMON sind sie
Beziehungsformen des Denkens (Vers. üb. d. Transcend. S. 44). PLATNER sieht
in den Kategorien »Grundanlagen des Verstandes«, subjektiv und
zugleich objektiv, durch die Dinge selbst bedingt (Log. u. Met. S. 83 ff.). KRUG
bestimmt die Kategorien als gesetzmäßige Handlungsweisen des
Verstandes (Fundamentalphilos. S. 151, 168). »Kategorien der
Sinnlichkeit« sind Räumlichkeit, Zeitlichkeit, räumliche
Zeitlichkeit (Handb. d. Philos. I, 261). »Die Kategorien des
Verstandes« sind »transzendentale Begriffe«, »welche nichts
anderes ausdrücken, als die ursprüngliche Denkform selbst, abgesondert
von dem Stoffe, mit welchem sie im gemeinen Bewußtsein zu empirischen
Begriffen von wirklichen Gegenständen verschmolzen ist« (l.c. I, 266).
Zu unterscheiden sind »reine« und »versinnlichte«
(»schematisierte«) Prädikamente (l.c. I, 273). Die
»Urkategorie« ist die Realität (das Sein). Die
Verstandeskategorien sind: Einheit, Vielheit, Allheit; Positivität
(Gesetztsein), Negativität, Limitativität (Beschränktsein);
Beständigkeit, Ursachlichkeit, Gemeinschaftlichkeit; Möglichkeit,
Wirklichkeit, Notwendigkeit (l.c. I, 272 f.). Nach FRIES sind die Kategorien
ursprüngliche Tätigkeitsformen des Denkens, welche Einheit in die
Erfahrung bringen (N. Krit. II2, 27). Es sind dies: Ding, Beschaffenheit
(Größe, Eigenschaft), Verhältnis, Art und Weise, Ort, Zeit
(Syst. d. Log. S. 387). - Nach JACOBI sind die Kategorien notwendig und
allgemeingültig, nicht weil sie apriori sind, sondern weil die durch sie
ausgedrückten Beziehungen »unmittelbar und in allen Dingen vollkommen
und auf gleiche Weise gegeben sind« (WW. II, 261).
SCHOPENHAUER erklärt, die Kantische Kategorientafel
verdanke ihren Ursprung einem Hange zur architektonischen Symmetrie (W. a. W. u.
V. I. Bd., S. 447). Von den Kategorien sind elf als grundlos zu entfernen. Nur
die Kausalität (s. d.) ist zu behalten, deren Tätigkeit aber schon
»Bedingung der empirischen Anschauung« ist (l.c. S. 446 f.). Für
die Begriffe dürfen wir »keine andere a priori bestimmte Form
annehmen, als die Fähigkeit zur Reflexion überhaupt« (ib.). Nur
die Kausalitätskategorie ist a priori vorhanden und die »Form und
Function des reinen Verstandes« (l.c. S. 449). Nach F. A. LANGE gehen die
Kategorien aus bestimmten Einrichtungen unseres Denkens hervor, durch welche
»die Einwirkungen der Außenwelt sofort nach der Regel jener Begriffe
verbunden und geordnet werden« (Gesch. d. Material. II3, 44). HELMHOLTZ
erklärt Kausalität, Kraft, Substanz für apriorische Grundbegriffe
(Tats. in d. Wahrn. S. 42). Nach O. SCHNEIDER ist die Kategorie (kategoriale
Funktion) eine »Geistestätigkeit, welche den Bewußtseinszustand
klaren und deutlichen Auffassens des Seienden und des Zusammenfassens des Vielen
im Gemeinsamen und damit jede Erkenntnis... überhaupt erst ermöglicht,
dann aber auch dem kritischen Geiste zu jenem Bewußtseinszustande
verhilft, in welchem er sich von dem Vorhandensein solcher Tätigkeit
Rechenschaft gibt«. Die Kategorien sind a priori, formen die
Erfahrungsinhalte (Transzendentalpsychol S. 94). Es gibt: 1) subjektive
Stammbegriffe, welche bewirken, daß ein bestimmtes Etwas in meinem
Bewußtsein und für dasselbe als Gegenstand da ist: Ding und
Eigenschaft, Einheit, Vielheit und Allheit, Identität und Verschiedenheit;
2) objektive, Wirklichkeits- oder Seinsbegriffe: Ursache und Wirkung,
Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit (l.c. S. 129). FR. SCHULTZE nimmt vier
Kategorien an: Zeit, Raum, Kausalität, Empfindung. Die drei ersten sind
Subjektiv, immanent, apriorisch (Philos. d. Naturwiss. II, 325). Nach H. COHEN
sind die Kategorien ursprüngliche Verknüpfungsarten des
Mannigfaltigen, notwendige, logische Bedingungen der Erfahrung (Kants Theor. d.
Erfahr.2, S. 248, 255). »Die Kategorien sind nicht angeborene Begriffe,
sondern vielmehr die Grundformen, die Grundrichtungen, die Grundzüge..., in
denen das Urteil sich vollzieht,« »Betätigungsweisen des
Urteils« (Log. S. 43 ff.). Eine Urteilsart kann eine Mehrheit von
Kategorien enthalten, und eine Kategorie kann zugleich in mehreren Urteilen
enthalten sein (l.c. S. 47 ff.). Die Kategorie bedeutet »die reine
Erkenntnis, welche die Voraussetzung der Wissenschaft ist« (l.c. S. 222);
ähnlich NATORP, K. VORLÄNDER u. a. Nach HUSSERL, sind die Kategorien a
priori, sie gehören zur Natur des Verstandes (Log. Unters. II, 672), sie
sind die ergänzenden Formen, welche unmittelbar kein Correlat in der
Wahrnehmung haben (l.c. II, 608). Durch Idealgesetze wird die Anwendung der
Kategorien geregelt, begrenzt (l.c. II, 660 ff., I, 243 ff.). - Vgl. WINDELBAND,
Vom System der Kategorien 1900.
In anderer Weise werden die Kategorien aus der
Gesetzmäßigkeit des Denkens abgeleitet, wobei zum Teil die objektive
Geltung jener betont wird, sei es für die immanenten, sei es für
transzendente Dinge.
Quelle: www.textlog.de
Kategorien - Fichte, Hegel, Schleiermacher
Rudolf Eisler K Kategorien
Nach J. G. FICHTE sind die Kategorien Setzungen des Ich (s.
d.), sie entstehen »mit den Objekten zugleich« »auf dem Boden der
Einbildungskraft«, um die Objekte zu constituieren (Gr. d. g. Wiss. S.
415). Dinge an sich (s. d.) gibt es nicht, also gelten die Kategorien nur
für die Dinge als Inhalte des (überempirischen) Ich. SCHELLING
erklärt: »Alle Kategorien sind Handlungsweisen, durch welche uns erst
die Objekte selbst entstehen« (Syst. d. transc. Ideal. S. 223).
Ursprünglich sind nur die Kategorien der Relation (l.c. S. 232, 292). HEGEL
betrachtet die Kategorien ebensowohl als subjektive als auch als objektive
Bestimmungen, sie sind Denk- und Seinsformen zugleich (vgl. Encykl. § 20,
43 ff.). Die Kategorien sind: Sein: Qualität, Quantität, Maß;
Wesen: Grund, Erscheinung, Wirklichkeit; Begriff: subjektiver Begriff, Objekt,
Idee. Nach K. ROSENKRANZ sind die metaphysischen Kategorien »Momente der
Idee als logischer«, homogen mit den logischen Kategorien. Sie haben
abstract nur »ideelle Existenz«, sind nicht »kosmogonische
Mächte« (Syst. d. Wiss. S. 9). Aus Denken und Erfahrung (Wahrnehmung)
leitet die Kategorien G. W. GERLACH ab (Hauptmomente d. Philos. S. 124 ff.).
Nach SCHLEIERMACHER sind die (Subjektiv-objektiv gültigen) Kategorien als
Anlagen dem Verstande angeboren, sie entstehen aus ihrem
»Schematismus«, aus der Vernunft, dem »Orte« der Kategorien
(Dialekt. S. 104 f., 315). CHR. KRAUSE sieht in den Kategorien den
»Gliedbau der Grundwesenheiten«, die Grundgedanken der Erkenntnis des
Seins: Wesenheit, Formheit, Seinheit, Selbheit, Ganzheit, Vereinheit u.s.w.
(Vorles. üb. Philos. 173 ff.). C. H. WEISSE versteht unter den
»abstrakten Allgemeinbegriffen« oder Kategorien »die schlechthin
notwendige, nicht nicht sein und nicht anders sein könnende Form und
Gesetzmäßigkeit alles Daseienden, Wesenhaften und Wirklichen«
(Grdz. d. Met. S. 37). Die Vernunft besitzt diese Begriffe »durch sich
selbst«, schon bevor sie sich ihres Besitztums bewußt ist (l.c. S.
47). Das natürliche Bewußtsein trägt diese Begriffe
unbewußt und unwillkürlich in den Weltinhalt hinein (l.c. S. 56 f.).
Sie haben »eine von aller subjektiven menschlichen Auffassung
unabhängige Geltung« (l.c. S. 57). Insofern in den Kategorien die
Totalität des Seienden enthalten ist, heißen sie Ideen (l.c. S. 65).
Ideen sind »die Kategorien, so wie sie in einer Reihe geschichtlicher
Gestalten der Philosophie, jede als Ausdruck für das Ganze auftreten«.
Metaphysische Idee ist »die echt wissenschaftlich, mit dem
ausdrücklichen Bewußtsein ihrer Bedeutung für den positiven
Inhalt aufgefaßte Totalität der Kategorien« (l.c. S. 66 f.).
Aufgabe der Metaphysik (s. d.) ist es, »die Gesamtheit der Kategorien in
einen dialektischen Cyclus zu verarbeiten« (l.c. S. 75). Die Kategorien
sind: Sein: Kategorien der Qualität: Sein, Dasein, Unendlichkeit; der
Quantität: Zahl, Größe, Verhältnis; des Maßes:
Individuum - Art - Gattung, specifische Größe - Regel - Gesetz, Form
und Inhalt. Wesen: Identität - Einheit, Zweiheit - Gegensatz, specifische
Dreiheit; Ausdehnung, Ort, Raum; Schwere, Polarität und Kohäsion,
Chemismus. Wirklichkeit: Kategorien der Reflexion: Substantialität -
Möglichkeit, Kausalität - Wirklichkeit, Wechselwirkung -
Notwendigkeit; des Zeitbegriffs: Bewegung, Dauer, Zeit; der Lebendigkeit:
Teleologie und Organismus, Leben, Freiheit (l.c. S. 99 ff.). ESCHENMAYER
versteht unter den Kategorien »allgemeine Formen, die der ganzen
Begriffswelt zukommen«. Nicht die Logik, sondern die rationale Psychologie
kann sie deduzieren, nämlich aus der Ichheit.
Das formale Denken ist nicht das Höchste. Das
Selbstbewußtsein ist das Ursprüngliche in uns, in welchem Form und
Gehalt zugleich gegeben ist. »In dem Grundgesetz desselben, welches das
Zentrum des ganzen geistigen Organismus einnimmt, ist die Form schon mit den
Gehalt gegeben, und erst von ihm aus erhält der logische Verstand seine
Formen, seine Kategorien, seine Fundamentalsätze, die er dann auf die ihm
anderwärts her dargebotene Materie des Denkens anwendet« (Psychol. S.
299 ff., 309). Nach FROHSCHAMMER wohnen die Kategorien des Seins, der
Kausalität, der Notwendigkeit) »dem Geiste insoferne inne, als er
selbst in seiner Realität und Wirksamkeit deren Realisierung ist«. In
diesen Kategorien ist die objektive Phantasie tätig. Im Geiste sind die
Kategorien »gleichsam die Organe, wodurch das Material der
Sinneswahrnehmung in die Einheit des psychischen Organismus aufgenommen werden
kann« (Monad. u. Weltphantas. S. 64 f.). - Nach J. BERGMANN sind die
Kategorien »Momente der allgemeinen Form der Gegenständlichkeit«,
sie sind »Projektionen« von Momenten des Ich (Sein u. Erk. S. 172). -
Aus der innern Erfahrung von Bestimmtheiten des Ich leitet die Kategorien
(»Urbegriffe«) J. WOLFF ab. Es sind: Identität, Einheit,
Vielheit, Substantialität, Kausalität u.s.w. Nach Analogie unseres
Innern werden die Objekte kategorisiert (Das Bewußts. u. sein Objekt S.
593 ff.). Aus der innern Erfahrung leitet die Kategorien schon M. DE BIRAN ab
(vgl. Kausalität, Kraft). Vgl. unten. - Aus der Idee des Seins (s. d.)
stammen die Kategorien nach ROSMINI-SERBATI.
Quelle: www.textlog.de
Kategorien - Trendelenburg, Lotze, Hartmann
Rudolf Eisler K Kategorien
TRENDELENBURG sieht in den Kategorien Begriffe, die aus der
Reflexion über die Formen der Denkbewegung entspringen (Log. Unt. I2, 330).
Indem die »Bewegung« (s. d.), die Quelle der Kategorien, in der
Anschauung schon mitenthalten ist, werden sie aus ihr abstrahiert (l.c. S. 358).
Sie sind aber »keine imaginären Größen, keine erfundenen
Hülfslinien, sondern ebenso objektive als subjektive Grundbegriffe«
(Gesch. d. Kategorienl. S. 368). Reale Kategorien sind die Formen, durch welche
das Denken das Wesen der Sachen ausdrücken will (Log. Unt. I2, 329), die
»Grundbegriffe, unter welche wir die Dinge fassen, weil sie ihr Wesen
sind« (Kategorienl. S. 364). Modale Kategorien sind »die
Grundbegriffe, welche erst im Akt unseres Erkennens entstehen, indem sie dessen
Beziehungen und Stufen bezeichnen« (ib.; Log. Unt. II, 97 ff.). Es gibt
sonst Kategorien aus der Bewegung und Kategorien ans dem Zweck (Log. Unt. I, 278
ff. II, 72 ff.). Nach J. H. FICHTE sind die Kategorien a priori und zugleich
objektiv (Psychol. I, 185 f.). Nach M. CARRIERE sind die Verstandeskategorien
»zugleich die Gesetze der Dinge und die Normen, nach denen die Welt
unterschieden und geordnet ist« (Sittl. Weltordn. S. 92). Doch stammen sie
nicht aus der Erfahrung, sondern sind Normen unseres Denkens (l.c. S. 94). LOTZE
bestimmt die Denkformen als Subjektiv- objektive Formen, sie sind zur Behandlung
der Naturobjekte bestimmt, beziehen sich notwendig auf diese (Mikrok. III2,
204). Sie sind »weder bloße Folgen der Organisation unseres
subjektiven Geistes, ohne Rücksicht auf die Natur der zu erkennenden
Objekte, noch sind sie unmittelbare Abbilder der Natur und der gegenseitigen
Beziehungen dieser Objekte. Sie sind vielmehr ›formal‹ und
›real‹ zugleich. Nämlich sie sind diejenigen subjektiven
Verknüpfungsweisen unserer Gedanken, die uns notwendig sind, wenn wir durch
Denken die objektive Wahrheit erkennen wollen« (Gr. d. Log. S. 8). Es gibt
vier logische Kategorien: Ding, Eigenschaft, Tätigkeit, Relation (l.c. S.
17). ULRICI leitet die Kategorien aus der unterscheidenden Denktätigkeit
ab. Sie sind »die an sich rein logischen, schlechthin allgemeinen,
ideellen, formellen Begriffe..., welche die allgemeinen Beziehungen der
Unterschiedenheit und resp. Gleichheit der (seienden wie gedachten) Objekte
ausdrücken« (Log. S. 142, 215 ff., 285 ff.). Sie sind an sich nicht
Begriffe, sondern Normen der Denktätigkeit, leitende Gesichtspunkte
für dieselbe (Gott u. d. Nat. S. 563). Sie haben metaphysische
Gültigkeit (l.c. S. 561). Die höchste Kategorie ist das
»Denkbare« (Log. S. 53). Die ethischen Kategorien sind
ursprünglich (Gott u. d. Nat. S. 680). FORTLAGE betrachtet die Kategorien
als Produkte unbewußter Geistesfunktionen, die auf Veranlassung des
Bewußtseins entstehen (Syst. d. Psychol. I, 165 ff.). Sie entspringen dem
Triebleben des Geistes (l.c. I, 464). »Trieb-Kategorien« sind Bejahung
und Verneinung (l.c. I, 92). Nach E. V. HARTMANN sind die Kategorien nur als
»Kategorialfunctionen«, nicht als Begriffe a priori (Krit. Grundleg.
S. 125 f.). Sie sind Denkformen, welche sich »aus Keimen und Anlagen des
Verstandes entwickeln, in denen sie vorbereitet liegen« (l.c. S. 11). Die
Kategorie ist »eine unbewußte Intellektualfunktion von bestimmter Art
und Weise, oder eine unbewußte logische Determination, die eine bestimmte
Beziehung setzt« (Kategorienl., Vorw. S. VII). Die Kategorien sind
»supraindividuelle« »Betätigungsweisen der
unpersönlichen Vernunft in den Individuen« (l.c. S. VIII). Sie sind
Formen der Beziehung, der Synthese, der logischen Determination (l.c. S. 334).
Ein Teil der Kategorien gilt für die Subjektive, objektive, metaphysische
Sphäre zugleich, ein anderer nur für die Subjektiv-objektive, wieder
ein anderer nur für die objektive und metaphysische (vgl. Kausalität,
Quantität u.s.w.). Die Kategorientafel ist folgende:
A. Kategorien der Sinnlichkeit:
I. Kategorien des Empfindens:
Qualität
Quantität (intensive, extensive = Zeitlichkeit)
II. Kategorien des Anschauens:
Räumlichkeit
B. Kategorien des Denkens:
I. Urkategorie der Relation
II. Kategorie des reflektierenden Denkens (5 Arten)
III. Kategorie des spekulativen Denkens:
Kausalität (Ätiologie)
Finalität (Teleologie)
Substantialität (Ontologie).
Das Wahrgenommene ist »durch und durch ein
Kategoriengespinst«, es weist auf eine transcendente Wirklichkeit hin (l.c.
S. 339). Ohne Kategorien ist die Welt nicht zu verstehen (Gesch. d. Met. I,
562). An Hartmann schließt sich eng A. DREWS, an (Das Ich S. 178). Die
transsubjektive Geltung der Kategorien betont VOLKELT (Erfahr. u. Denk. S. 89,
95 u. ff.). Nach G. SPICKER beruht alles Denken auf einem sinnlichen Substrat,
geht aber über dieses hinaus (K., H. u. B. S. 165). Die Kategorien bringen
erst geordnete Erfahrung hervor (l.c. S. 174). Aller »Gewohnheit«
liegt schon die Denknotwendigkeit zugrunde (l.c. S. 178 f). Die Kategorien haben
metaphysische Geltung, führen zum Ding an sich (l.c. S. 180; 42, 47). Die
Funktion der Kategorien fängt erst recht da an, wo die Sinnlichkeit
aufhört (l.c. S. 180). Einen erweiterten Gebrauch der Kategorien im
Übersinnlichen, in der Richtung auf das Ganze der Erfahrung, hält
WITTE für zulässig (Wes. d. Seele S. 336). Nach G. THIELE ist den
Kategorien das »Nach-außen-sich-beziehen« wesentlich. Sie
»meinen« etwas außer sich, beziehen sich auf ein anderes, sei es
was immer (Philos. d. Selbstbewußts. S. 74 f., 183, 411). Ähnlich
UPHUES und H. SCHWARZ. Nach A. DORNER haben die Kategorien keinen Sinn, wenn
ihnen nicht eine Realität entspricht. Unser Denkorgan zwingt uns, in das
Gebiet der Metaphysik überzugehen. »Daß unser Denken gezwungen
ist, Kategorien zu bilden, die über das bloße Denken hinausgreifen,
beweist uns..., daß es intelligible Realitäten gibt, die die Vernunft
beeinflussen, Kategorien zu bilden, mit denen sie sich diese Realitäten
vergegenwärtigt« (Gr. d. Religionsphilos. S. 18 ff., 24; Das menschl.
Erkenn. 314 f.). »Die realen Kategorien sind nicht bloß logischer
Natur, sie besagen mehr; sie sind nicht bloß Produkte der Phantasie,
vielmehr werden durch sie, die wir anwenden müssen, immer die Dinge als
beharrend und wirkend, nicht als bloß logisch zusammenhängend
gedacht, wie ein Begriffssystem« (Gr. d. Religionsphilos. S. X). Die
Kategorien sind nicht zu eliminieren, wohl aber müssen sie richtig
angewendet werden (ib.). Die transzendente Gültigkeit der Grundbegriffe
(Kausalität, Substanz, s. d.) behauptet W. JERUSALEM. - Nach L. RABUS sind
die logischen Kategorien die »Akte des Begreifens«, d.h. des Denkens,
welches »die gegenständliche Mannigfaltigkeit auf die ihr zugrunde
liegende Einheit zurückführt und umgekehrt auf Grund solcher Einheit
die Mannigfaltigkeit sich zurechtlegt« (Log. S. 234). Urkategorie ist der
Gedanke der Einheit (ib.). Idee ist das »durch die Kategorie in seiner
universellen Bedeutung begriffene Bild« (l.c. S. 236). Gegen die subjektive
Kategorienlehre erklärt sich HAGEMANN (Log. u. Noet.5, S. 146). So auch die
katholisch-thomistische Logik und Metaphysik (PESCH, COMMER, GUTBERLET, Log. u.
Erk.2, S. 13, 209 ff.).
Quelle: www.textlog.de
Kategorien - Herbart, Spencer, Nietzsche
Rudolf Eisler K Kategorien
Als Produkt der Erfahrung (und psychologischer Prozesse),
Abstractionsgebilde, Erzeugnisse der Induktion (s. d.) werden die Grundbegriffe
von den Empiristen (s. d.) betrachtet. - Nach HERBART sind die Kategorien
Produkte des Vorstellungsmechanismus, Modifikationen psychischer
»Reihenformen« (Met. I, 209), die »allgemeinsten Begriffe, die
zur Apperzeption dienen« (Psychol. als Wiss. II, § 124 ff.). Sie sind
nicht apriorische Stammbegriffe (Lehrb. zur Psychol.3, S. 133). Die
Hauptkategorien sind: Ding, Eigenschaft, Verhältnis, Verneintes. Die
Kategorien der »inneren Apperzeption« sind: Empfinden, Wissen, Wollen,
Handeln (l.c. S. 134; Psychol. als Wiss. § 131 f.). Die dinglichen
Kategorien sind Formen der gemeinen Erfahrung, die noch mit allen
»Widersprüchen« (s. d.) behaftet sind und einer philosophischen
Bearbeitung bedürfen (vgl. Met. II, 351 ff.). Ähnlich SCHILLING
(Psychol. S. 147 ff.) und VOLKMANN (Lehrb. d. Psychol. II4, 282). BENEKE leitet
die Kategorien aus der Gesetzmäßigkeit des Bewußtseins ab, sie
sind das Entwicklungsproduct psychischer Prozesse (Log. II, 35 f.). Vor ihrer
Entwicklung in und mit der Erfahrung sind die Kategorien nur
»prädestinierte Anlagen« in der Seele (l.c. II, 271, 283).
ÜBERWEG bestreitet (wie CZOLBE) die Apriorität und Subjektivität
der Kategorien. Er betont, das Wesentliche der Dinge könne nur mittelst der
Erkenntnis des Wesentlichen in uns erkannt werden (Log.4, S. 129). Nach E. LAAS
sind »reine« Verstandesbegriffe Undinge. Es ist undenkbar, daß
ein Inhalt in eine ihm absolut fremde Form eingehen soll. In den
Empfindungsdaten müssen zwingende Motive zur Bildung der Kategorien liegen
(Ideal. u. posit. Erkenntnistheor. S. 374). Nach STEINTHAL sind die Kategorien
»Formen des Prozesses, in welchem sich die Begriffe bilden« (Einleit.
in d. Psychol. S. 105).
Nach R. HAMERLING abstrahiert der Verstand die Kategorien
durch das beziehend-vergleichende Denken aus dem Material der Sinnesanschauung.
Sie gelten für die Dinge an sich (Atomist. d. Will. I, 38, 49). Nach F.
ERHARDT stammen die Kategorien aus der Erfahrung (teilweise aus der innern) und
sind von objektiver Gültigkeit (Met. I, 443 ff., 513 f., 574 ff., 600).
Nach LIPPS sind »subjektive Kategorien«: Einheit, Einzelheit,
Identität, Gleichheit, Ähnlichkeit und die Gegensätze davon. Sie
besagen alle, »daß wir etwas tun, oder uns in unserem Tun etwas
begegnet« (Gr. d. Log. S. 105). Oberste Kategorie ist die des
Bewußtseinsobjektes überhaupt (l.c. S. 136 f.). - J. ST. MILL leitet
die Grundbegriffe aus der Erfahrung und Assoziation ab (vgl. Substanz). Nach H.
SPENCER sind die Grundbegriffe phylogenetisch (s. d.) empirisch erworben,
ontogenetisch, beim Individuum der Anlage nach a priori (s. d.). Die
Grundbegriffe, Stoff, Raum, Bewegung, Kraft u.s.w. entstehen als solche aus der
Generalisation und Abstraction von Erfahrungen des Widerstandes (Psychol. II,
§ 348, S. 236). H. CORNELIUS sieht in den Grundbegriffen nur Formen des
Zusammenhanges aktualer und möglicher Erfahrungen. Die
»naturalistischen« Begriffe (s. d.) sind ihren dogmatischen Elementen
nach zu eliminieren. Eine »Elimination« der Kategorien
Kausalität, Substanz u. dgl. als bloß subjektiver Zutaten des Denkens
zur Erfahrung (s. d.) fordert E. MACH. An deren Stelle hat das Prinzip der
»Ökonomie« (s. d.) des Denkens zu treten. Den Kategorien kommt
bloß »praktisch« (biologische) Bedeutung zu. - So auch
NIETZSCHE, der die rein biologische Bedeutung der Kategorien betont (WW. X,
183). Sie haben sich durch ihre Nützlichkeit bewährt, sind
lebenserhaltend. Aber diese ihre biologische Zweckmäßigkeit ist ihre
einzige »Wahrheit« (WW. XV, 268). Sie sind Produkte der Phantasie, des
Anthropomorphismus (s. d.), mit der (metaphorischen) Sprache (s. d.) werden sie
in die Objekte introjiziert. Erst fingieren wir ein »Ich« (s. d.),
dann projizieren wir es auf die Außenwelt, und nun erscheint uns diese als
eine Summe von Substanzen, Tätern, Kräften u.s.w. (WW. VIII, 2, S. 80;
XV, 273). Eine solche Welt entspricht unserem Verlangen nach einer Welt des
Bleibenden, der unser Wille zur Macht mehr gewachsen ist als dem ständigen
Flusse des Geschehens (l.c. XV, 268 f., 285). Eine biologisch-projektionistische
Auffassung der Kategorien findet sich bei SIMMEL, (Philosophie des Geldes S.
484, 507). L. STEIN erklärt: »Zeit, Zahl, Raum, Kausalität, wie
die Verstandeskategorien überhaupt, sind nichts anderes, als das Alphabet,
welches sich die Menschen im Kampfe ums Dasein als Schutzmaßregeln
gebildet haben, um erfolgreich im Buche der Natur lesen zu können« (An
d. Wende des Jahrh. S. 6). Vgl. Introjektion, A priori, Kausalität, Ding,
Substanz, Kraft, Identität, Einheit, Individuum.
Quelle: www.textlog.de
Melancholie
Friedrich Kirchner
Melancholie (gr. melancholia v. melas = schwarz u. cholê
= Galle) heißt die Seelenkrankheit (Psychose), welche in dem Hange, sich
traurigen Vorstellungen hinzugeben, besteht. Sie entsteht meist allmählich.
Der Schlaf wird unruhig, die Träume werden unangenehm, der Appetit wird
schlecht, die Arbeitslust erlahmt. Der Mensch fühlt eine allgemeine
Depression seines Ichs, ohne daß er die Kraft hätte, sie
abzuschütteln. Befürchtungen, Versündigungs- und Verfolgungsideen
tauchen auf. Schwäche und Schweigsamkeit, Hoffnungslosigkeit sind die
Kennzeichen des Melancholikers. Zuweilen treten auch Angst- und
Tobsuchtsanfälle auf. Die Erkennung der Umgebung pflegt aber meist nicht
wesentlich getrübt zu sein. - Ursachen der Melancholie sind entweder
wirkliches oder eingebildetes Unglück, fixe Ideen (über Gott, Ehrgeiz,
Liebe) oder körperliche Störungen in der Verdauung und Blutbereitung.
Namentlich ist die Melancholie die Psychose der ersten Rückbildungsstufe.
Sie tritt daher oft bei Frauen in den Wechseljahren ein. Nachdem das Leiden
seinen Höhepunkt erreicht hat, tritt entweder allmähliche Genesung
oder dauernde Verblödung ein. Vgl. Hellpach, Die Grenzwiss. d. Psychologie.
Leipzig 1902, S. 384 f. v. Krafft- Ebing, Die Melancholie. 1874. J. L. A. Koch,
Psychiatrische Winke für Laien. 1880. J. Weiß, Kompendium d.
Psychiatrie. 1881.
Quelle: www.textlog.de
Raum und Zeit
Friedrich Kirchner
Raum und Zeit. Alles, was wir wahrnehmen und uns vorstellen,
versetzen wir in Raum und Zeit. Bei jedem Ereignisse fragen wir, wo und wann es
geschehen ist. Der naive Mensch findet dabei nichts Auffallendes, während
der Philosoph damit auf eines der schwierigsten erkenntnistheoretischen und
psychologischen Probleme stößt. - Zunächst ist klar, daß
wir uns die Dinge, wenn wir sie in Raum oder Zeit versetzen, als Glieder einer
Mannigfaltigkeit nebeneinander oder nacheinander vorstellen. Jenes geschieht bei
den sogenannten Außendingen, dieses bei allen Veränderungen der
Außen - und Innenwelt. Überlegen wir nun, was wir uns eigentlich
unter Raum und Zeit vorstellen, so ergibt sich, wenn wir von allem abstrahieren,
was in Raum und Zeit gedacht wird, daß wir uns den Raum als eine Form der
Gegenstände und die Zeit als eine Form des Geschehens vorstellen. Für
das naive Denken existieren diese Formen als etwas Selbständiges, vor dem
Inhalte Fertiges und auf diesen Wartendes, der Raum als ein ungeheures
Gefäß, welches alles umschließt (etwa eine Kugel), (vgl.
Aristot. Phys. IV, 4 p. 212 A 15 ho topos angeion ametakinêton), die Zeit
als der stetige Übergang von dem, was war, zu dem, was sein wird, als ein
sich selbst bewegender Fluß. Jenen denkt man sich durch drei rechtwinklige
Abmessungen von einem Punkte aus bestimmt, diese als eine immer entstehende,
aber nie daseiende Linie von einer Dimension.
Nun lehrt aber die Erkenntnistheorie, daß die ganze
Außen - und Innenwelt uns zunächst in unserem Bewußtsein
gegeben ist; Raum und Zeit sind trotz aller Beziehung zum Wirklichen also nicht
etwas, was den Dingen unabhängig von unserem Bewußtsein
angehört, sondern wie jede Verbindungsform der Vorstellungen aus der
Tätigkeit des Subjekts entspringt, so sind auch sie nur unter Voraussetzung
eines Subjekts, das zur Wirklichkeit in Beziehung tritt, vorhanden. Diese Lehre
von der transzendentalen Idealität von Raum und Zeit, die Kant (1724-1804)
in seiner Kritik der reinen Vernunft (1781) und schon vorher (1770) aufgestellt
hat, muß jetzt zu den gesicherten Resultaten der Erkenntnistheorie
gerechnet werden. - Raum und Zeit scheiden sich nun bestimmt und klar von den
Qualitäten der Empfindung; sie sind die extensiven Formen, in denen sich
die Elemente der Empfindungen unmittelbar und in fester Ordnung zueinander,
sowie auch in Beziehung zum Subjekte verbinden. Solche Formen sind aber nicht
selbst Empfindungen. Und weil sie nur Verbindungsformen von Empfindungen,
Wahrnehmungen und Vorstellungen sind, können sie auch nicht unmittelbar als
Wahrnehmungen oder Vorstellungen gegeben sein. Man kann sich den Raum zwar von
allem Inhalt getrennt als absoluten oder reinen unendlichen Raum und die Zeit
als leere unendliche Zeit denken, und die Mathematik stellt die ideale
Forderung, sie sich so zu denken; aber jede wirkliche räumliche und
zeitliche Vorstellung und Anschauung eines einzelnen Subjekts schließt
trotzdem einen, wenn auch noch so verblaßten Empfindungsinhalt in sich
ein. Der reine Raum und die reine Zeit wird niemals wahrgenommen oder
vorgestellt, sondern nur gedacht. Andrerseits besteht gerade das Wesen der
Verbindungsformen, die uns in Raum und Zeit vorliegen, auch darin, daß die
Empfindungen sich unmittelbar und assoziativ ohne unseren Willen und unsere
Aktivität mit einem gewissen Zwang, den wir erleiden, in sie
hineinfügen, und daß diese Formen dann von den Wahrnehmungen aus
durch Reproduktion in die Vorstellungen übergehen. Raum und Zeit haben
darum empirische Realität und sind als sinnliche Formen der Anschauungen zu
bezeichnen. Sie sind keine begrifflichen Formen und sind etwas stets Einzelnes,
nie schlechthin Allgemeines. Sie wollen also wahrgenommen und vorgestellt, aber
nicht nur gedacht sein. Nur gedachte Räume oder Zeiten sind keine
Räume und Zeiten mehr. Absolute unendliche Räume und Zeiten sind also
nichts weiter als Abstraktionen, die in Wahrheit nie vom Subjekte erreicht
werden und nur als letzte ideale Forderungen der Philosophie und der Mathematik
vorhanden sind. Mit Recht hat also Kant Raum und Zeit von den Kategorien
(allgemeinen Begriffsformen) geschieden und als sinnliche Formen der Anschauung
bezeichnet und ihnen empirische Realität zugeschrieben. - Die Frage ist nun
weiter, ob sie als fertige Formen in der Seele liegen oder sich von Fall zu Fall
aus den Empfindungen und Vorstellungen des Subjektes entwickeln. Jene Ansicht,
die nativistische, wird Kant oft fälschlich zugeschrieben. Das beruht aber
nur auf einem hartnäckigen Mißverständnis der Lehre Kants. Kant
bezeichnet 1770 Raum und Zeit ausdrücklich als »ursprünglich
erworben«, nicht als angeboren, und in der Kritik der reinen Vernunft
(1781) findet sich nichts, was dieser Annahme widerspricht oder eine
Änderung der Ansicht Kants andeutet. Das Apriori hat bei Kant nicht die
Bedeutung: »angeboren«, oder »fertig im Bewußtsein
gegeben«, oder »vor aller Erfahrung gegeben«, sondern es hat nur
die Bedeutung: »aus der Quelle der Vernunft, nicht von außen her
entstehend«. Das Apriori kann sich somit in der Erfahrung und durch die
Tätigkeit des Bewußtseins selbst erst entwickeln und bilden. Kant ist
also bezüglich der Lehre von Raum und Zeit kein Nativist, wofür er
häufig gehalten wird. Er hat zwar keine genetische Raumtheorie aufgestellt,
aber sie läßt sich der Kantschen Lehre ohne Widerspruch
hinzufügen. -
Inhalt:
Raumvorstellungen
Zeitvorstellungen
Theorie
Quelle: www.textlog.de
Raum und Zeit - Raumvorstellungen
Friedrich Kirchner R Raum und Zeit
Es kann nun mit Raum und Zeit nicht anders stehn als mit
unserem gesamten Bewußtseinsinhalt. Er entwickelt sich erst im Leben
innerhalb der Erfahrung und wird schrittweise erworben ; und nur die Anlage zur
räumlichen und zeitlichen Einordnung der Empfindung ist ein Besitz, den wir
durch Vererbung auf der Stufe des höheren tierischen und des menschlichen
Lebens bereits überliefert erhalten. - Wenn nun aber alle räumlichen
und zeitlichen Vorstellungen sich erst innerhalb unserer sinnlichen
Tätigkeit auf Grund der vorhandenen Anlagen entwickeln, so kann allerdings
die Erkenntnistheorie die Idee einer strengen Allgemeinheit und Notwendigkeit
der uns bekannten Zeitund Raumgesetze, wie sie Kant aufgestellt hat, nicht
aufrechterhalten. Raum und Zeit entstehen mit unseren Vorstellungen von in der
Wirklichkeit gegebenen Objekten und haben nur den Wert und die Bedeutung des
Tatsächlichen. Die Mathematik, soweit sie aus diesen Vorstellungen
hervorgeht, insbesondere die Geometrie, beruht auf Tatsachen und ist in ihren
Fundamenten ebenso empirisch wie jede Wissenschaft. Aus dem Begriffe der
Sinnlichkeit, Empfänglichkeit, Rezeptivität oder Verbindung
läßt sich nie Raum und Zeit in der uns gegebenen Form ableiten, nie
zeigen, daß Raum und Zeit so beschaffen sein müssen, wie sie sind;
und der Gedanke der Möglichkeit anderer Räume und Zeiten wie die
unsrigen läßt sich sehr wohl fassen, und wenn auch nie in Anschauung
übersetzen, so doch mathematisch bestimmen und durchführen (s.
Metamathematik). Alle geometrischen Lehrsätze haben also nur eine
beschränkte Apodiktizität. Die spiritistische Phantasterei, einen mehr
als dreidimensionalen Raum als wirklich gegeben anzunehmen, ist natürlich
andrerseits durch nichts gerechtfertigt, und alle experimentellen Versuche ihn
nachzuweisen sind Gaukelspiel und Betrug. Es gilt aber noch heute der Satz, den
Gauß am 9. April 1830 an Bessel schrieb: »Nach meiner innigsten
Überzeugung hat die Raumlehre zu unserem Wissen der
selbstverständlichen Wahrheiten eine ganz andere Stellung als die reine
Größenlehre; es geht unserer Kenntnis von jener durchaus diejenige
vollständige Überzeugung von ihrer Notwendigkeit (also auch von ihrer
absoluten Wahrheit) ab, welche der letzteren eigen ist, wir müssen in Demut
zugeben, daß, wenn die Zahl bloß unseres Geistes Produkt ist, der
Raum auch außer unserem Geiste eine Realität hat, der wir a priori
ihre Gesetze nicht vollständig vorschreiben können.« Die Lehre
von der transzendentalen Idealität des Raumes findet also erst ihre
Ergänzung in der recht verstandenen und richtig gewendeten Lehre von dem
empirischen Ursprunge von Zeit und Raum, mit der allerdings das Apriori im Sinne
Kants als das Notwendige, Allgemeine, aus reiner Vernunft Stammende fällt
und nur im Sinne der Entwicklungslehre bleiben kann. Aus den Bedingungen unserer
geistigen und physischen Organisation hervorgehend, entstehen Zeit und Raum mit
der Entwicklung des Empfindungslebens. Als Bewußtseinsformen sind sie
nicht unmittelbar etwas Wirkliches, aber sie gehören zu dem Objektiven in
unseren Vorstellungen, eben weil sie unmittelbar mit den Empfindungen
verknüpft sind und die Einordnung in sie ohne Willkür und unter einem
gewissen Zwange erfolgt. Im besonderen vollzieht sich die Entstehung der Raum-
und Zeitvorstellung im Subjekte nach Wundts genetischer Verschmelzungstheorie,
die an Lotze und v. Helmholtz anknüpft und der nativistischen Herings (geb.
1834) entgegengesetzt ist, in folgender Weise: Die Raumvorstellung ist nicht
eine ursprüngliche Eigenschaft der einzelnen Empfindungselemente, wie es
die Intensität und Qualität der Empfindungen sind, sondern sie setzt
ein Zusammensein der Empfindungen als Bedingung voraus und ist die Form fester
Ordnung der Sinnesqualitäten. Sie entsteht aus den Funktionen zweier Sinne,
des Tastsinns und des Gesichtssinns, ist also die Form der Ordnung der
Tastempfindungen und Lichtempfindungen. Der Blindgeborene erwirbt sie nur durch
den Tastsinn, der normalsehende Mensch in ihrer feineren Ausbildung mehr durch
den Gesichtssinn als durch den Tastsinn. Die Vorgänge, die beim
Zustandekommen der Raumvorstellung durch den Tastsinn stattfinden, sind
folgende: Ein Gegenstand kommt in Berührung mit dem Tastorgan und ruft eine
Tastempfindung hervor. Hierbei bildet sich eine bestimmte Vorstellung von dem
Orte der Berührung, die darauf beruht, daß jedem Punkte des
Tastorgans eine eigentümliche qualitative Färbung der Tastempfindung
zukommt, die von der Qualität des äußeren Eindrucks
unabhängig ist. Die lokale Färbung der Empfindung wird das
Lokalzeichen (s. d.) der Empfindung genannt. Diese Lokalzeichen oder
Ortsempfindungen schließen, jedes für sich, noch keine
Raumvorstellung in sich ein. Mit diesen Ortsempfindungen verbinden sich nun aber
die Bewegungen des Tastorgans, die von inneren Tastempfindungen begleitet sind.
Die einzelne dieser inneren Tastempfindung schließt ebensowenig wie das
Lokalzeichen die Raumvorstellung in sich ein. Aber durch die empirisch gegebenen
Verbindungen der Empfindungen entsteht die räumliche Vorstellung. Mit je
zwei Empfindungen a und b von bestimmter Lokalzeichendifferenz ist stets eine
bestimmte, die Bewegung begleitende innere Tastempfindung ß, mit einer
größeren Lokalzeichendifferenz a und c eine intensivere
Bewegungsempfindung . assoziiert. So ist die aus der Funktion des Tastsinns
hervorgehende Raumvorstellung das Produkt einer Verschmelzung äußerer
Tastempfindungen und ihrer qualitativ abgestuften Lokalzeichen mit inneren
intensiv abgestuften Tastempfindungen, und zwar bilden bei dieser Verschmelzung
die äußeren Tastempfindungen die herrschenden Elemente, während
die inneren Tastempfindungen hinter ihnen zurücktreten, wie etwa die
Obertöne eines Klanges. Die Verschmelzung selbst ist eine doppelte, wenn
auch gleichzeitige. Durch eine erste Verschmelzung ordnen sich die
Qualitätsstufen des nach zwei Dimensionen geordneten Lokalzeichensystems in
ihrem Verhältnis zueinander nach den Intensitätsstufen der inneren
Tastempfindung ; durch eine zweite verbinden sich die durch die Reize bestimmten
äußeren Tastempfindungen mit jenen ersten Verschmelzungsprodukten.
Die äußere Tastempfindung wechselt mit der Beschaffenheit des
objektiven Reizes; aber die Lokalzeichen bilden zusammen mit den inneren
Tastempfindungen subjektive Elemente, deren wechselseitige Zuordnung bei den
verschiedenen äußeren Eindrücken immer dieselbe bleibt, so
daß die psychologische Bedingung für die dem Räume
zugeschriebene Konstanz der Eigenschaften gegeben ist, die sich in der Lehre von
der Verschiebbarkeit und Drehbarkeit der räumlichen Gebilde ausspricht. Die
so erworbene Raumvorstellung ist natürlich reproduzierbar und kehrt in
Erinnerungsbildern wieder.
Die Eigenschaften des Tastsinns wiederholen sich beim
Gesichtssinn, freilich in viel feinerer Ausbildung. Die Netzhautfläche
verhält sich analog einem Tastgebiet, übertrifft es aber an
Stärke. Auch bei dem Eintritt einer Gesichtsempfindung durch Einwirkung
eines Lichtreizes auf die Netzhaut entsteht die Vorstellung eines ihm
zukommenden Ortes, mit der aber die räumliche Vorstellung noch nicht
verbunden ist; doch erfolgt hierbei die Lokalisation nicht wie beim Tastsinn
durch die unmittelbare Beziehung auf den entsprechenden Punkt des Sinnesorganes
selbst, sondern wir verlegen, ohne daß wir erklären können,
warum dies geschieht, den Eindruck an das außerhalb des vorstellenden
Subjektes und in irgend einer Entfernung von ihm gelegene Sehfeld. Mit diesen
qualitativen Lokalzeichen des Gesichtssinnes, die mit den einzelnen
Zuständen der Netzhaut zusammenhängen, verbinden sich die die
Bewegungen des Auges begleitenden, ein intensiv abgestuftes System bildenden
Empfindungen. Die Bewegungen des Auges spielen bei der Ausmessung von Strecken
des Sehfelds eine ähnliche Rolle wie die Tastbewegungen bei Ausmessung der
Tasteindrücke, jedoch so, daß die Bewegungen des einen Auges noch
durch die des andern unterstützt werden. Mit der einzelnen Empfindung ist
auch hier die räumliche Vorstellung nicht verbunden. Sie entsteht auf Grund
der Verbindung der Empfindungen. Die räumliche Ordnung der
Lichteindrücke ist also eine Einordnung des nach zwei Dimensionen
geordneten Lokalzeichensystems der Netzhaut in ein intensiv abgestuftes System
der die Bewegungen des Auges begleitenden inneren Tastempfindung. Für je
zwei Lokalzeichen, a und b, ist die bei der Durchmessung der Strecke a b
entstehende Spannungsempfindung a ein Maß der linearen
Raumgröße, während einer großem Strecke a c eine
intensivere Spannungsempfindung je entspricht. So vollzieht sich also auch bei
der Entstehung der Raumvorstellung durch die Vorgänge im Gesichtssinne eine
Verschmelzung. Verschmolzen werden die in der Beschaffenheit der
äußeren Reize begründeten Empfindungsqualitäten, die von
den Arten der Reizeinwirkung abhängigen qualitativen Lokalzeichen und die
durch die Beziehung der gereizten Punkte zum Netzhautzentrum bestimmten intensiv
abgestuften Spannungsempfindungen. Auch hier ist die Entstehung der
Raumvorstellung an die Vorgänge selbst gebunden, aber die Raumvorstellung
ist ebenso reproduzierbar wie beim Tastsinn. Während aber beim Tastsinn
sich die qualitativen Lokalzeichen mit den inneren, durch die Bewegung des
Tastorgans verbundenen Bewegungen verschmelzen, verbinden sich beim Sehen die
qualitativen Lichteindrücke mit den die Bewegungen der Augen begleitenden
inneren Tastempfindungen, so daß hier von einem System komplexer
Lokalzeichen geredet werden kann. Die räumliche Lokalisation irgend eines
Lichteindrucks erscheint demnach als das Produkt einer vollständigen
Verschmelzung der durch den äußeren Reiz bestimmten Lichtempfindung
mit je zwei zusammengehörigen Elementen jenes komplexen
Lokalzeichensystems, und die räumliche Ordnung einer Mehrheit einfacher
Eindrücke besteht in der Verbindung einer großen Anzahl solcher
Verschmelzungen, die qualitativ und intensiv nach Maßgabe der Elemente des
Lokalzeichensystems gegeneinander abgestuft sind. Hierbei sind die von den
äußeren Reizwirkungen bestimmten Empfindungen die herrschenden
Elemente, gegenüber denen die Elemente des Lokalzeichensystems selbst
zurücktreten.
Die durch den Tastsinn und die durch den Gesichtssinn
erworbenen Raumvorstellungen und ihre Erinnerungsbilder ordnen sich ineinander
ein und ergänzen sich, und zwar so, daß beim Sehenden die letzteren
vorherrschen und uns das Bild der Außenwelt liefern. Sie werden
schließlich auf alle anderen Sinnesempfindungen übertragen. (Wundt,
Grundriß der Psychologie § 10.)
Quelle: www.textlog.de
Raum und Zeit - Zeitvorstellungen
Friedrich Kirchner R Raum und Zeit
Die Bildung der Zeitvorstellungen erfolgt vornehmlich auf
Grund von Tast - und Gehörsempfindungen; doch sind die Bedingungen zu ihrer
Entstehung auch bei anderen Empfindungen gegeben. Bei der Bildung der
Zeitvorstellung durch den Tastsinn sind es nicht die äußeren, sondern
nur die inneren Tastempfindungen, welche die Tastbewegungen begleiten, aus denen
die Zeitvorstellung hervorgeht. Bei den Bewegungen, besonders bei den
rhythmischen Bewegungen, z.B. der Beine und Arme beim Gehen findet ein
regelmäßiges Wechseln qualitativ entgegengesetzter, spannender und
lösender Gefühle statt, von denen das lösende sehr rasch
verläuft, das spannende langsam zum Maximum aufsteigt, um dann
plötzlich zu sinken, und bei deren Wechsel die intensivsten
Gefühlsvorgänge sich auf die Grenzpunkte der Perioden
zusammendrängen. Die einfachsten zeitlichen Tastvorstellungen, die so
entstehen, bestehen demnach in rhythmisch geordneten Empfindungen, die sich
gleichförmig wiederholen. Für die Entstehung der Zeitvorstellung durch
den Gehörssinn liegen die Bedingungen besonders günstig, wenn es sich
um diskontinuierliche Tastfolgen handelt, bei denen den Zeitstrecken selbst
jeder objektive Empfindungsinhalt fehlt, und die Gehörseindrücke
selbst nur die Begrenzung der Zeitstrecken gegeneinander vermitteln. Auch hier
füllen sich die objektiv leeren Zeitstrecken mit einem subjektiven
Gefühls - und Empfindungsinhalt, der dem bei rhythmisch verlaufenden
Tastbewegungen vollständig entspricht, und es wechseln steigende und
erfüllte Erwartung, die auf Spannungsempfindungen des Trommelfells oder auf
den inneren Tastempfindungen beruht, die sich mit einem unwillkürlichen
Taktieren verbinden.
Verbindet man die Resultate dieser Beobachtung, die sich nur
auf die günstigen Fälle der Entstehung der Zeitvorstellung bezieht, so
ergibt sich, daß auch die Zeitvorstellung nicht an einer einzelnen
isoliert gedachten Empfindung haftet, sondern aus der Verbindung psychischer
Elemente hervorgeht. Auch hier ist der Vorgang der Entstehung eine
Verschmelzung. Bei dieser ist der momentan gegenwärtige Eindruck, der am
schärfsten und klarsten wahrgenommen wird und durch Gefühlselemente
charakterisiert ist, immer derjenige, nach dem alle andern orientiert werden,
wodurch die Vorstellung vom Fließen der Zeit entsteht. Die zeitliche
Ordnung nach diesem Orientierungspunkte geschieht durch Hilfsmittel, die analog
den Lokalzeichen Zeitzeichen genannt werden können und die im wesentlichen
Gefühlselemente sind. Die Erwartungsgefühle sind die qualitativen, die
inneren Tastempfindungen die intensiven Zeitzeichen. Die Zeitvorstellung ist
daher ihrer Entstehung nach ein Verschmelzungsprodukt beider Arten der
Zeitzeichen miteinander und mit den in die zeitliche Form geordneten objektiven
Empfindungen. (Wundt, Grundriß der Psychol. § 11.)
Aus der psychologischen Darlegung der Entstehung unserer Zeit-
und Raumvorstellung ergibt sich, daß Zeit und Raum, soviel Analoges sie
enthalten, weder gleichgesetzt, noch vollständig parallellisiert werden
können. Die psychologischen Grundlagen der Zeitvorstellung sind viel
allgemeiner als die der Raumvorstellung. Die Zeit wird zur Ordnung aller unserer
psychischen Elemente, zur Grundform der inneren Wahrnehmung und ist somit
allgemeiner als die Raumform. Die Ordnung, die im Räume den psychischen
Elementen gegeben wird, ist nur fest in bezug auf die Elemente selbst, aber
veränderlich bezüglich des Subjekts, so daß wir die
Möglichkeit einer Drehung und Verschiebung der räumlichen Gebilde ohne
Änderung derselben zugeben. Die Ordnung, die dagegen in der Zeit den
psychischen Elementen gegeben wird, ist fest auch bezüglich des Subjekts,
so daß jede Veränderung in dieser Beziehung auch eine
Veränderung der Zeitelemente zueinander herbeiführt. Der Raum hat drei
Dimensionen, die Zeit nur eine; aber die Punkte in dieser Dimension sind nie
zugleich gegeben. Auch völlige Parallelisierung von Raum und Zeit ist
unmöglich.
Quelle: www.textlog.de
Raum und Zeit - Theorie
Friedrich Kirchner R Raum und Zeit
Die Ansichten der Philosophen über das Wesen von Raum und
Zeit haben sehr geschwankt. Die reale Existenz des leeren Raumes nahmen im
Altertum die Pythagoreer, die Atomisten und Epikureer an, während die
Eleaten sie leugneten. Platon (427-347) setzte Materie und Raum einander gleich.
Beide sind ihm ein Nichtreales. Aristoteles (384-322) erklärte den Raum
für die erste unbewegte Grenze des umschließenden Körpers gegen
den umschlossenen und leugnete den leeren Raum (to tou periechontos peras
akinêton prôton tout estin ho topos. Phys. IV, 4, p. 212 A 20). Die
Stoiker lehrten die Existenz eines außerhalb der stofflichen Welt
befindlichen unendlichen leeren Raumes. - Von den Neueren nahm Descartes
(1596-1650) Raum und Materie für identisch, indem er als das Wesen des
Körperlichen die Ausdehnung ansah. Für Leibniz (1646-1716) dagegen ist
der Raum nur eine verworrene Vorstellung. In der sinnlichen Auffassung erscheint
uns die Ordnung der Monaden als Ordnung koexistierender Phänomene. Kant
(1724-1804) erfaßte den Raum richtig als sinnliche Form und lehrte seine
transzendentale Idealität und empirische Realität. Seine Lehre von der
Reinheit, Unendlichkeit und Apriorität der Raumanschauung und
Apodiktizität der Mathematik entspricht zwar dem rationalistischen
Gesichtspunkte seiner Philosophie, ist aber nicht haltbar. Gegen sie sind von
mathematischer Seite triftige Einwendungen namentlich von Lobatschewsky,
Gauß, Riemann, v. Helmholtz u. a. gemacht worden; die Raumtheorie Kants
lebt also nur modifiziert in der Gegenwart fort. Den physiologisch-psychischen
Prozeß, durch den die Raum- und Zeitvorstellung erworben wird, hat in
neuerer Zeit im Anschluß an Lotze und v. Helmholtz vor allem Wundt (geb.
1832) festgestellt, der die Theorie des komplexen Lokalzeichens geschaffen hat.
An Wundt sich anlehnend, gibt Hellpach (Die Grenzwissenschaften der Psychologie
S. 142 ff.) eine ausführliche Theorie der Raumauschauung, die aber
Mißverständnisse der Kantischen Lehren in sich
einschließt.
Die Zeit ist nach Platon mit dem Himmel entstanden. Nach
Aristoteles ist sie das Maß der Bewegung in bezug auf das Früher und
Später (hoti men toinyn ho chronos arithmos kinêseôs kata to
proteron kai hysteron - phaneron Arist. Phys. IV, 11 p. 220 A 24). Für den
Stoiker war die Zeit ein unkörperliches Gedankenhaftes. Auch Cartesius
(1596-1650) sah in ihr nur einen Modus des Denkens (modus cogitandi) und
definierte sie nach Aristoteles als ›numerus motus‹. Ihm folgte
Spinoza. Für Leibniz (1646-1716) war die Zeit ›l'ordre des
possibilités inconsistentes‹. Kant (1724-1804) verbindet die Raum-
und Zeittheorie miteinander. Ebenso wie der Raum, ist ihm die Zeit sinnliche
Form, und zwar Form des inneren Sinnes und von transzendentaler Idealität.
Ebenso wie vom Räume, lehrt er die Reinheit, Unendlichkeit und
Apriorität der Zeitvorstellung, ebenso wie in der Raumtheorie, will er die
Apodiktizität der Mathematik mit auf die Apriorität der
Zeitvorstellung aufbauen. Aber von dem Erscheinen der Prolegomena ab begeht er
in seiner Zeittheorie den Irrtum, daß er den Zeitbegriff als Grundlage des
Zahlbegriffs ansieht und nun die Arithmetik ebenso in Verbindung mit seiner
Lehre von der Zeit setzt, wie die Geometrie mit seiner Raumlehre. Die erste
Auflage der Kritik der reinen Vernunft ist von diesem Irrtum noch frei.
Daß der Begriff der Zeit seine mathematische Verwendung erst in der
Kombinations- und Reihenlehre findet, die Grundbegriffe der Arithmetik aber
nichts damit zu tun haben, muß Kant gegenüber betont werden (s.
Zahl); aber ebensowenig ist seine Parallelisierung von Zeit und Raum als richtig
anzuerkennen. Nach Kant ist die erkenntnistheoretische Frage bezüglich der
Zeit wenig behandelt und nur die psychologische Theorie von der Zeit
gefördert worden. Eine Theorie andersartiger Zeiten, als unsere
Erfahrungszeit ist, ist bisher nicht aufgestellt worden und dürfte ihre
besondere Schwierigkeit haben, da mit Dimensionen bei der Zeit nichts
auszurichten ist. Neuerdings hat M. Palágyi (Neue Theorie des Raumes und
der Zeit. Leipzig 1901) die Zweiheit der Raum- und Zeitanschauung geleugnet und
beide durch den Begriff des »fließenden Raumes« ersetzen wollen.
Aber seine Grunddefinition: »Der Zeitpunkt ist der Weltraum« und
»Der Raumpunkt ist der Zeitstrom« begründen nicht die Idee der
untrennbaren Zusammengehörigkeit von Raum und Zeit; denn der Zeitpunkt ist
keine Zeit, und der Raumpunkt kein Raum. - Vgl. Kant, Kritik der reinen
Vernunft, S. 191 ff. Th. Isenkrahe, Idealismus oder Realismus. 1883. C. Stumpf,
Psychol. Urspr. der Raumvorstell. 1873. Baumann, die Lehren von Raum, Zeit und
Mathematik. 1869. B. Erdmann, die Axiome der Geometrie. 1877. Schlesinger,
Substantielle Wesenheit des Raumes und der Kraft. Wien 1885. Wundt,
Grundzüge der phys. Psychologie II. Max Simon, Didaktik und Methodik des
Rechen-, Mathematik- und Physik-Unterrichts. München 1895.
Quelle: www.textlog.de
Max Weber: § 16. Macht und Herrschaft
Max Weber Wirtschaft und Gesellschaft Erster Teil: Die
Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte I. Soziologische
Grundbegriffe
§ 16. Macht und Herrschaft
§ 16. Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer
sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen,
gleichviel worauf diese Chance beruht.
Herrschaft soll heißen die Chance, für einen Befehl
bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden; Disziplin soll
heißen die Chance, kraft eingeübter Einstellung für einen Befehl
prompten, automatischen und schematischen Gehorsam bei einer angebbaren Vielheit
von Menschen zu finden.
1. Der Begriff »Macht« ist soziologisch amorph. Alle
denkbaren Qualitäten eines Menschen und alle denkbaren Konstellationen
können jemand in die Lage versetzen, seinen Willen in einer gegebenen
Situation durchzusetzen. Der soziologische Begriff der » Herrschaft«
muß daher ein präziserer sein und kann nur die Chance bedeuten:
für einen Befehl Fügsamkeit zu finden.
2. Der Begriff der »Disziplin« schließt die
» Eingeübtheit« des kritik- und widerstandslosen Massengehorsams
ein.
Der Tatbestand einer Herrschaft ist nur an das aktuelle
Vorhandensein eines erfolgreich andern Befehlenden, aber weder unbedingt an die
Existenz eines Verwaltungsstabes noch eines Verbandes geknüpft; dagegen
allerdings – wenigstens in allen normalen Fällen – an die eines
von beiden. Ein Verband soll insoweit, als seine Mitglieder als solche kraft
geltender Ordnung Herrschaftsbeziehungen unterworfen sind, Herrschaftsverband
heißen.
1. Der Hausvater herrscht ohne Verwaltungsstab. Der
Beduinenhäuptling, welcher Kontributionen von Karawanen, Personen und
Gütern erhebt, die seine Felsenburg passieren, herrscht über alle jene
wechselnden und unbestimmten, nicht in einem Verband miteinander stehenden
Personen, welche, sobald und solange sie in eine bestimmte Situation geraten
sind, kraft seiner Gefolgschaft, die ihm gegebenenfalls als Verwaltungsstab zur
Erzwingung dient. (Theoretisch denkbar wäre eine solche Herrschaft auch
seitens eines Einzelnen ohne allen Verwaltungsstab.)
2. Ein Verband ist vermöge der Existenz eines
Verwaltungsstabes stets in irgendeinem Grade Herrschaftsverband. Nur ist der
Begriff relativ. Der normale Herrschaftsverband ist als solcher auch
Verwaltungsverband. Die Art wie, der Charakter des Personenkreises, durch
welchen, und die Objekte, welche verwaltet werden, und die Tragweite der
Herrschaftsgeltung bestimmen die Eigenart des Verbandes. Die ersten beiden
Tatbestände aber sind im stärksten Maß durch die Art der
Legitimitäts grundlagen der Herrschaft begründet (über diese s.u.
Kap. III.).
Quelle: www.textlog.de
Max Weber § 17. Politischer Verband, Hierokratischer Verband
Max Weber Wirtschaft und Gesellschaft Erster Teil: Die
Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte I. Soziologische
Grundbegriffe
§ 17. Politischer Verband, Hierokratischer
Verband
§17. Politischer Verband soll ein Herrschaftsverband dann
und insoweit heißen, als sein Bestand und die Geltung seiner Ordnungen
innerhalb eines angebbaren geographischen Gebiets kontinuierlich durch Anwendung
und Androhung physischen Zwangs seitens des Verwaltungsstabes garantiert werden.
Staat soll ein politischer Anstaltsbetrieb heißen, wenn und insoweit sein
Verwaltungsstab erfolgreich das Monopol legitimen physischen Zwanges für
die Durchführung der Ordnungen in Anspruch nimmt. – »Politisch
orientiert« soll ein soziales Handeln, insbesondere auch ein
Verbandshandeln, dann und insoweit heißen, als es die Beeinflussung der
Leitung eines politischen Verbandes, insbesondere die Appropriation oder
Expropriation oder Neuverteilung oder Zuweisung von Regierungsgewalten, [auf
nicht gewaltsame Weise (s. Nr. 2 a. E.)] bezweckt.
Hierokratischer Verband soll ein Herrschaftsverband dann und
insoweit heißen, als zur Garantie seiner Ordnungen psychischer Zwang durch
Spendung oder Versagung von Heilsgütern (hierokratischer Zwang) verwendet
wird. Kirche soll ein hierokratischer Anstaltsbetrieb heißen, wenn und
soweit sein Verwaltungsstab das Monopol legitimen hierokratischen Zwanges in
Anspruch nimmt.
1. Für politische Verbände ist
selbstverständlich die Gewaltsamkeit weder das einzige, noch auch nur das
normale Verwaltungsmittel. Ihre Leiter haben sich vielmehr aller überhaupt
möglichen Mittel für die Durchsetzung ihrer Zwecke bedient. Aber ihre
Androhung und, eventuell, Anwendung ist allerdings ihr spezifisches Mittel und
überall die ultima ratio, wenn andre Mittel versagen. Nicht nur politische
Verbände haben Gewaltsamkeit als legitimes Mittel verwendet und verwenden
sie, sondern ebenso: Sippe, Haus, Einungen, im Mittelalter unter Umständen:
alle Waffenberechtigten. Den politischen Verband kennzeichnet neben dem Umstand:
daß die Gewaltsamkeit (mindestens auch) zur Garantie von
»Ordnungen« angewendet wird, das Merkmal: daß er die Herrschaft
seines Verwaltungsstabes und seiner Ordnungen für ein Gebiet in Anspruch
nimmt und gewaltsam garantiert. Wo immer für Verbände, welche
Gewaltsamkeit anwenden, jenes Merkmal zutrifft – seien es Dorfgemeinden
oder selbst einzelne Hausgemeinschaften oder Verbände von Zünften oder
von Arbeiterverbänden (»Räten«) –, müssen sie
insoweit politische Verbände heißen.
2. Es ist nicht möglich, einen politischen Verband
– auch nicht: den »Staat« – durch Angeben des Zweckes
seines Verbandshandelns zu definieren. Von der Nahrungsfürsorge bis zur
Kunstprotektion hat es keinen Zweck gegeben, den politische Verbände nicht
gelegentlich, von der persönlichen Sicherheitsgarantie bis zur
Rechtsprechung keinen, den alle politischen Verbände verfolgt hätten.
Man kann daher den »politischen« Charakter eines Verbandes nur durch
das – unter Umständen zum Selbstzweck gesteigerte – Mittel
definieren, welches nicht ihm allein eigen, aber allerdings spezifisch und
für sein Wesen unentbehrlich ist: die Gewaltsamkeit. Dem Sprachgebrauch
entspricht dies nicht ganz; aber er ist ohne Präzisierung unbrauchbar. Man
spricht von »Devisenpolitik« der Reichsbank, von der
»Finanzpolitik« einer Vereinsleitung, von der »Schulpolitik«
einer Gemeinde und meint damit die planvolle Behandlung und Führung einer
bestimmten sachlichen Angelegenheit. In wesentlich charakteristischerer Art
scheidet man die »politische« Seite oder Tragweite einer
Angelegenheit, oder den »politischen« Beamten, die
»politische« Zeitung, die »politische« Revolution, den
»politischen« Verein, die »politische« Partei, die
»politische« Folge von anderen: wirtschaftlichen, kulturlichen,
religiösen usw. Seiten oder Arten der betreffenden Personen, Sachen,
Vorgänge, – und meint damit alles das, was mit den
Herrschaftsverhältnissen innerhalb des (nach unsrem Sprachgebrauch:)
»politischen« Verbandes: des Staats, zu tun hat, deren
Aufrechterhaltung, Verschiebung, Umsturz herbeiführen oder hindern oder
fördern kann, im Gegensatz zu Personen, Sachen, Vorgängen, die damit
nichts zu schaffen haben. Es wird also auch in diesem Sprachgebrauch das
Gemeinsame in dem Mittel: »Herrschaft«: in der Art nämlich, wie
eben staatliche Gewalten sie ausüben, unter Ausschaltung des Zwecks, dem
die Herrschaft dient, gesucht. Daher läßt sich behaupten, daß
die hier zugrunde gelegte Definition nur eine Präzision des Sprachgebrauchs
enthält, indem sie das tatsächlich Spezifische: die Gewaltsamkeit
(aktuelle oder eventuelle) scharf betont. Der Sprachgebrauch nennt freilich
»politische Verbände« nicht nur die Träger der als legitim
geltenden Gewaltsamkeit selbst, sondern z.B. auch Parteien und Klubs, welche die
(auch: ausgesprochen nicht gewaltsame) Beeinflussung des politischen
Verbandshandelns bezwecken. Wir wollen diese Art des sozialen Handelns als
»politisch orientiert« von dem eigentlich »politischen«
Handeln (dem Verbandshandeln der politischen Verbände selbst im Sinn von
§ 12 Nr. 3) scheiden.
3. Den Staatsbegriff empfiehlt es sich, da er in seiner
Vollentwicklung durchaus modern ist, auch seinem modernen Typus entsprechend
– aber wiederum: unter Abstraktion von den, wie wir ja gerade jetzt
erleben, wandelbaren inhaltlichen Zwecken – zu definieren. Dem heutigen
Staat formal charakteristisch ist: eine Verwaltungs- und Rechtsordnung, welche
durch Satzungen abänderbar ist, an der der Betrieb des Verbandshandelns des
(gleichfalls durch Satzung geordneten) Verwaltungsstabes sich orientiert und
welche Geltung beansprucht nicht nur für die – im wesentlichen durch
Geburt in den Verband hineingelangenden – Verbandsgenossen, sondern in
weitem Umfang für alles auf dem beherrschten Gebiet stattfindende Handeln
(also: gebietsanstaltsmäßig). Ferner aber: daß es
»legitime« Gewaltsamkeit heute nur noch insoweit gibt, als die
staatliche Ordnung sie zuläßt oder vorschreibt (z.B. dem Hausvater
das »Züchtigungsrecht« beläßt, einen Rest einstmaliger
eigenlegitimer, bis zur Verfügung über Tod und Leben des Kindes oder
Sklaven gehender Gewaltsamkeit des Hausherrn). Dieser Monopolcharakter der
staatlichen Gewaltherrschaft ist ein ebenso wesentliches Merkmal ihrer
Gegenwartslage wie ihr rationaler »Anstalts«- und kontinuierlicher
»Betriebs«- Charakter.
4. Für den Begriff des hierokratischen Verbandes kann die
Art der in Aussicht gestellten Heilsgüter – diesseitig, jenseitig,
äußerlich, innerlich – kein entscheidendes Merkmal bilden,
sondern die Tatsache, daß ihre Spendung die Grundlage geistlicher
Herrschaft über Menschen bilden kann. Für den Begriff
»Kirche« ist dagegen nach dem üblichen (und
zweckmäßigen) Sprachgebrauch ihr in der Art der Ordnungen und des
Verwaltungsstabs sich äußernder (relativ) rationaler Anstalts- und
Betriebscharakter und die beanspruchte monopolistische Herrschaft
charakteristisch. Dem normalen Streben der kirchlichen Anstalt nach eignet ihr
hierokratische Gebietsherrschaft und (parochiale) territoriale Gliederung, wobei
im Einzelfall die Frage sich verschieden beantwortet: durch welche Mittel diesem
Monopolanspruch Nachdruck verliehen wird. Aber derart wesentlich wie dem
politischen Verband ist das tatsächliche Gebietsherrschaftsmonopol für
die Kirchen historisch nicht gewesen und heute vollends nicht. Der
»Anstalts«-Charakter, insbesondere der Umstand, daß man in die
Kirche »hineingeboren« wird, scheidet sie von der »Sekte«,
deren Charakteristikum darin liegt: daß sie »Verein« ist und nur
die religiös Qualifizierten persönlich in sich aufnimmt. (Das
Nähere gehört in die Religionssoziologie.)
Quelle: www.textlog.de