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Die neuronale Basis der Ästhetik von räumlichen und zeitlichen Patterns

Es besteht entwicklungsgeschichtlich ein grundsätzlicher Unterschied der Wahrnehmung räumlicher und zeitlicher Patterns. Raum-Pattern-Wahrnehmung beruht vorwiegend auf Sehen [33] während Zeit-Pattern-Wahrnehmung auf Hören und Gedächtnis beruht.

Während das Hören als Wahrnehmung von Vibration entwicklungsgeschichtlich wesentlich älter als das Sehen ist, ist Gedächtnis eine sehr schwer zu klassifizierende Fähigkeit. Es findet keine Aufnahme in das klassische Instrumentarium der fünf Sinne, aber wie leicht zu zeigen ist, ist das Gedächtnis unabdingbar für jegliche Orientierung in der Welt. Alle über die Sinne aufgenommenen Eindrücke wären Sinn-los, wenn sie nicht über das Pattern-Matching des Gedächtnisses bestimmten Objekt- und Ereignis-Klassen zugeordnet werden könnten. [34]

Wie Spengler schon bemerkte, hat das Gedächtnis aber auch die Bedeutung einer höheren Kulturleistung der Menschheit, die sie vor allen anderen Lebewesen auszeichnet: Geschichtswahrnehmung beruht auf einer Ästhetik von extrem langperiodischen zeitlichen Patterns, die wesentlich länger als die Lebensdauer eines einzelnen Menschen sind. [35]


[33] Das ist allerdings nicht uneingeschränkt gültig, denn bei Blinden und Fledermäusen haben beruht die Raumwahrnehmung auf Hören, ebenso wie bei Walen und Delphinen. Hier ist das Echo von Peiltönen der Schlüsselfaktor, damit zusammenhängend die Laufzeit des Schalls im Raum. Siehe dazu auch die interessante Diskussion des Philosophen Thomas Nagel: "What is it like to be a bat?" Es dürfte interessant sein, diese Gedanken unter den Aspekten der neuronalen Ästhetik wieder aufzugreifen.
[34] Hierzu auch die grundlgende Diskussion von Aristoteles, zu Gedächtnis und Erinnerung: "Peri mnaemae kai ana-mnaesis". In den griechischen Worten ist die Verbindung der Doppelfähigkeit von mnaemae und ana-mnaesis sehr viel besser sichtbar als in den deutschen Worten, bei denen Gedächtnis vorschnell auf höhere Fähigkeiten des Denkens schließen läßt. Zwar gibt es kein Denken ohne Gedächtnis, aber der Umkehrschluß gilt nicht. Auch die einfachsten Lebewesen haben ein Gedächtnis.
[35] (URL) (CD_local)
http://www.noologie.de/neuro06.htm
(URL) (CD_local)
http://www.noologie.de/neuro07.htm


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